Die breitbrüstige Gaia gebiert die Giganten, befruchtet durch das Blut des von Kronos entmannten Uranos. Kronos, der Kindermörder, der seine Kinder auffraß.

Die Angst des Vaters, Chronos‘, die ihn zum Kannibalen machte, ist die Angst vor dem neuen Zeitalter, vor der nächsten Welle, die die alte Zeit hinwegspült.

Und Hänsel und Gretel, die zwei verlorenen Krümelkinder, als die kleinsten und menschlichsten Echos dieser mythischen Tragödie. Ihre Brotkrumen, vom Hunger des Waldes gefressen, sind der Beweis, dass der große, fressende Schlund – ob nun ein Gott, ein König oder eine Hexe – immer danach trachtet, die Zukunft zu verschlingen. Aber jedes gerettete Kind, das aus dem Bauch des Ungeheuers oder aus dem Haus der Süße entkommt, ist ein kleiner Sieg Gaias über die Furcht des Vaters, eine neue Welt, geboren aus Asche und Mut. Man hatte Angst vor Prophezeiungen und der Zukunft der Kinder, durch gespendete Seherworte. So setzte der Vater Ödipus aus. Er wuchs auf in einem Mantel der Ahnungslosigkeit, ein König ohne wahre Genealogie, ein Suchender, der die Spur seiner Geburt vergessen hatte. Die Welt war für ihn ein Kreuzweg, und er trat in ihn ein, als Laios ihm im Staub entgegenkam. Es war kein einfacher Kampf, es war der Zusammenstoß zweier Zeitalter und zweier Ignoranzen. Und als das Blut des Vaters die Erde tränkte, schloss sich der erste Kreis, ungesehen, ungeahnt. Nicht die Wölfinnen nährten ihn, sondern die Angst, die seine Ferse fesselte und ihn auf den kalten Berg der Exposition warf. Das Orakel hatte den Schatten eines Kindermordes auf das königliche Haus Thebens geworfen – der Sohn würde den Vater fressen, die Saat des eigenen Geschlechtes verzehren. In der fruchtbaren Kammer der Erkenntnislosigkeit zeugte er mit seiner Mutter neue Kinder, Brüder und Schwestern seiner selbst. Als er sich das Orakel erfüllte, riss er sich die Augen aus, nicht um blind zu sein, sondern um endlich zu sehen: um die innere Landschaft des Schicksals zu erkennen, die dem äußeren Blick immer verborgen geblieben war. Der Blinde, der sah, wurde zum wahren Stromkind, ein Ausgestoßener mit einem Stab, der die ganze Welt durchmessen hatte, um am Ende nur sich selbst zu finden. Seine wahre Initiation war nicht die des Königs, sondern die des Bettlers, der nun, enthüllt und geblendet, das letzte, unlösbare Rätsel trug: Die Freiheit liegt in der vollkommenen Annahme des Unentrinnbaren.

Und viele Kinder wurden wegen solchen Unheilsorakel ausgesetzt, oft dann von gefährlichen Tieren genährt und aufgezogen.

Das Ausgesetztsein ist die härteste Form der Initiation. Die Wildnis, die sie verschlingen sollte, wurde zur Amme. Dort, wo die zivilisierte Milch versagt, spendet die Bestie ihre Kraft. Die Wolfsmilch, die feurige Essenz der Wildheit, tränkte die Zukünftigen Gründer, sodass in ihrem Blut nicht nur die verlorene Linie ihrer Väter, sondern auch die ungebändigte Macht der Erde selbst pulsierte.

Sie waren die Gefährdeten, deren erster Atemzug schon das Echo des Todes trug.

So säugen in wilder Waldschlucht die Wölfinnen die Waisenkinder, erkoren um sogar Städte zu gründen. Und jedes Kind ist eine Welt und birgt eine Initiationsgeschichte in sich.

Und Mose, Romulus und Remus, Ödipus, Sargon von Akkad und Kyros II, die Schicksalskinder, die Geschichte schrieben. Die Stromkinder großer Flüsse und Kinder des Zeitenstroms. Und Nil und Tiber. Geboren von Eltern, die verloren gingen, genealogielos, in jenen Strudeln des Anfangs, wo der Name noch nicht die Kette der Herkunft schmiedet.

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