Die Kinder dehnen den Sinn der Worte aufs Äußerste. Sie übersteigen die Metaphern der Erwachsenen, die nur mehr durch semantische Leere geprägt sind. Selbst ein Hauch besitzt mehr Aussagekraft als ein Laut.

Die zweite Babylonische Sprachverwirrung findet gerade statt. Allegoristereien der Kinder, die niemand mehr deuten kann. 

Generationelle Unverständlichkeit. Und die Lehrer lassen die Kinder nur mehr die unflätigsten Verben konjugieren. Wir tanzen im Ascheregen semantischer Erosion, unsere Metaphern sind nur mehr die polierten Knochen eines einst lebendigen Gedankens. Doch die Kinder zerschlagen die glatten, toten Wörter der Väter und versuchen, aus deren Splittern ein neues, atmendes Orakel zu bauen. Ihre generelle Unverständlichkeit ist keine Verwirrung, sondern ein Akt der Schöpfung, eine Abwehrhaltung gegen die ererbte Aphasie des Sinns. Und am Anfang war der Schrei, der Urlaut. Der Schrei ist bereits die universelle Ausdrucksfähigkeit aus Mangel. Und das gesamte Leben ist defizitär und durch Mangel bestimmt, im Sinne des Willens Schopenhauers. Der Schrei ist das Logos des Leibes, die Philosophie des Magens, die reine, ungefilterte Bestätigung des Mangels. Der Schrei kommt aus dem Magen, nicht aus der Lunge.

Und Friedrich der Zweite ist immer noch auf der Suche nach der Ursprache. Doch die isolierten und abgeschotteten Kinder von der Außenwelt starben, sprachlos, lieblos und alleingelassen. Die Ursprache, die daraus erkannt wurde, heißt Zuwendung und Geborgenheit. Und diese Sprache ist die Musik der Stille zwischen den Worten, das Echo eines Leidens, das zu tief ist, um in konventionelle Verse gefasst zu werden. Sie ist das Flüstern der Seele, die die Welt zum ersten Mal sieht, unverdorben und unverstanden. Und aus diesem sprachlosen und sinnlosen Experiment erwuchs der dolce stil nuovo, die edelste aller Sprachen. Es ist die Sprache der Kinder, die alleingelassen wurden in ihrem Schrei. Es ist die Sprache Kaspar Hausers. Kaspar Hausers Tragödie und das Verbrechen an der Menschlichkeit eines Waisenkindes, das eingesperrt, in Einsamkeit, misshandelt und verspottet wurde und als Ausstellungsobjekt der Menschheit vorgesetzt wurde, fernab jeder menschlichen Stimme, in der grausamen Hoffnung, ihre Lippen würden nicht die Worte der Mütter und Väter hervorbringen, sondern die reine Ursprache, als Vokabel Gottes. Es klang aber kein Griechisch, kein Hebräisch. Es erwuchs etwas viel Elementareres, etwas, das tiefer schnitt als jeder Sinn: Es erwuchs der Schrei in seiner reinsten Form, der zum Lied wurde, sobald die Hoffnung starb. Es war die Grammatik der Einsamkeit, die Syntax des Hungers nach Berührung. Der Kaspar Hauser in uns allen, der aus dem Dunkel kriecht und die Welt mit den Augen der tödlichsten Unschuld betrachtet, spricht diese edelste aller Sprachen. Eine, die nicht lügt, weil sie die Worte der Lüge nie gelernt hat.

Und die Kinder schreien nicht mehr, sie flüstern in sanften Allegorien, die kein Hermeneut des Abendlandes mehr entschlüsseln kann, hier im Felde des Klatschmohns, auf der Suche nach verlorenen Lippen. Sie suchen nicht die Ursprache, sie erfinden sie täglich neu, aus dem Defizit heraus, das wir ihnen hinterlassen.Unsere Metaphern sind die Mumien einstiger Erkenntnis; sie liegen in den staubigen Sarkophagen der Konvention, und niemand wagt es mehr, sie zu berühren. Wir sprechen in Chiffren der Sachlichkeit, im Jargon des Funktionierens, und jedes Gefühl wird sofort in eine bürokratische Vokabel der Seele überführt. Das Nichts-Sagen ist zur höchsten Form der Rhetorik geworden, zur semantischen Leere, die wir mit dem lauten Lärm der Redundanz übertünchen.

Der Turm zu Babel wurde schlussendlich nie fertig gebaut, da jeder in fremden Zungen sprach. Gott wollte es nicht erlauben, dass der Turm überheblich bis zum Himmel reicht. In Sorge, dass ihnen „nichts mehr unerreichbar“ sein könnte, „was sie sich auch vornehmen“, verwirrte der Herr ihre Sprache und zerstreute sie „über die ganze Erde“. Das Turmbauprojekt ist gescheitert. Doch die wahre Sprache ist nicht die, die den Himmel erreicht, sondern die, die die Kluft zwischen zwei Menschen überbrückt, die einander nicht verstehen dürfen. Die Sprache existiert seitdem nicht mehr als ein einheitliche, himmelstürmender , monolythischer Turm, sondern als ein mosaikartiges, zerstreutes Flüstern im Wind. Jede neue Sprache ist ein Fragment dieses Turms, ein verzerrtes Echo des einstigen Plans. Und genau dieses Fragment, diese Lücke im Verstehen, ist der Nährboden, in dem sich nun Sprachen bilden können. Die sumerischen Zikkurate sind weitere Versuche der Menschen, sich Gott zu nähern, so wie es die gotischen Kathedralen sind, die phallisch in den Himmel reichen. Durch dieses Turmbauereignis kam die Sprachvielfalt über die Erde und mit ihr das Übersetzungsproblem. Die Kehle, einst Brücke des Verstehens, wurde zum Abgrund des Unverständnisses. Plötzlich werden  Menschen fremd aufgrund ihrer Sprache. Der Turmbau, oder der Beginn des Rassismus’. Und die Baufirmen sind noch heute ein Konglomerat aus verschiedenen Ethnien und Sprachen, die ein Bauwerk vollenden sollen. Die Hände, die gestern noch synchron hoben und trugen, zögerten nun, denn der Befehl, der sie leiten sollte, war ein rätselhaftes Labern geworden. Und es entstand eine Angst vor dem, was anders klingt. Und es entstand eine Angst vor dem, der anders spricht. Und Nebukadnezar war ihr Bauleiter und Architekt. In seiner autoritären Position blickte er jedoch auf ein zeitgenössisches Trümmerfeld der Verständigung zurück, anstelle von Palästen und Prunkbauten. Das Übersetzungsproblem ist die Melodie, zu der die Menschheit ihren endlosen Tanz der Entzweiung aufführt – ein ewiges Echo des zerbrochenen Turms im Zweistromland, das uns zur unentrinnbaren, farbenprächtigen Vielfalt auf der ganzen Erde verdammt hat.

Nach der Sintflut kam der Turmbau,  wahrscheinlich aus Angst vor einer zweiten Rache Gottes. Es ist nur logisch, in die Höhe zu bauen, um steigendem Wasser zu entfliehen. So stieg die Menschheit empor, nicht mehr in der Arche geborgen, sondern im stolzen Kalkül des Ziegels. Es war die reine, verzweifelte Logik der Überlebenden: Die Sintflut hatte die Horizontale weggeschwemmt, die Sicherheit lag einzig in der Vertikalen. Die Erinnerung an das schäumende, steigende Nichts fraß sich in das kollektive Gedächtnis, eine feuchte Angst, die nur durch das klare, trockene Licht des Himmels gemildert werden konnte. Als Geometrie der Angst wurde entgegen der Schwerkraft gebaut. Der Turm war eine gesteinerte Bitte um Distanz, eine geometrische Fluchtlinie, die sich vom feuchten Grab der Erde abwandte. Jeder behauene Block war ein Eid gegen die Wiederkehr des Wassers, ein Trotzstein, gesetzt gegen die göttliche Laune. Es war kein Aufstieg aus Arroganz, sondern aus der nackten Notwendigkeit, sich dem nächsten Zorn zu entziehen. Sie bauten, weil das Wissen um die Macht des Wassers sie nie wieder losließ. In jedem Mörtelstrich lag der Schreck der ertrunkenen Welt. Der Turm war nicht nur ein Bauwerk, sondern eine kolossale Narbe, die die Seele der Ebene trug, der ewig verlängerte Mast eines gestrandeten Schiffes, das nur eine Richtung kannte: nach oben, weg von der Tiefe, weg von Gott. Doch in diesem verzweifelten Streben nach dem trockenen Gipfel, in dieser logischen Konsequenz der Angst, lag bereits das unlogische Vergehen: Der Himmel, den sie suchten, war kein Zufluchtsort, sondern der Thron dessen, dessen Rache sie fliehen wollten.

Die Gestalt des gescheiterten Turmbaus findet sich als Archetyp in vielen Kulturen wieder und ist vom Kern her ähnlich. Er ist der Ur-Schutt, das kollektive Trauma der menschlichen Anmaßung. 

Und jedes Bauwerk spiegelt die Hybris der Menschen wider, die von den Göttern bestraft wurden. Diese arrogante Geometrie, die versuchte, die eigene sterbliche Größe über die unendliche Macht des Kosmos zu stellen. Jede zerbrochene Säule, jede verlassene Ruine ist seither ein stummer Prediger dieser alten Wahrheit.

Im Norden gab es einen Riesenbaumeister, der eine riesige Burg bauen wollte, deren Fertigstellung Thor verhinderte. Der Hammer traf den Schädel, wo einst die Hybris thronte, und die riesige Feste sank zu Schutt, ehe sie ganz Himmel sein konnte. In Indien gab es einen riesengroßen, prangenden  Feigenbaum, den die Menschen als Himmelsleiter nutzten. Die Götter zerstörten ihn sogleich und zerstreuten die abgebrochenen Äste über die ganze Welt, aus denen wiederum neue Bäume wuchsen, denen das gleiche Schicksal drohte. Aber im Akt der Zerstörung lag das Saatgut der Vielfalt: Die abgebrochenen Glieder wurden zu Keimen, zerstreut über alle Winde. Wo sie fielen, schlugen sie Wurzeln und wurden zu neuen, vielfältigen Bäumen, von denen jeder versuchte, die verlorene Verbindung wiederherzustellen. So entstand die Buntheit der Kulturen, jede ein junger Schössling mit eigener Sprache, eigenem Saft und eigenem Klang – alle verdammt zur Wiederholung des Aufstiegs und des folgenden Falls. Daraus entstanden viele verschiedene Kulturen und Sprachen. Eine daraus entstandene Ethnie der Dämonen schichtete einst Ziegelsteine übereinander, um bis zum Himmel zu steigen. Unbelehrbar von der Sanftheit des Holzes, wählten sie das kalte, schwere Material des Scheiterns: den Ziegelstein.

​Sie schichteten, getrieben von einem gierigen Verlangen nach dem göttlichen Sitz. Ihr Turm war eine schwarzrote Beharrlichkeit gegen die himmlische Ordnung, ein fester, unerbittlicher Aufstieg, der keine Gnade kannte. Doch der Gott Indra legte einen Ziegelstein dazu. Bevor die Turmbauer bis zum Himmel gelangten, zog er diesen Stein wieder heraus und die Dämonen fielen alle nach unten. Sie zerbrachen ihre Hälse an der harten Erde und wurden, in einer letzten, grausamen Metamorphose, zur schweigenden, kriechenden Schar der Spinnen, die nun ihre winzigen Netze spannen, als traurige, filigrane Karikaturen ihrer einstigen, riesigen Bauwerke. Sie verweilten nunmehr in ihren winzigen Kokons ihrer kleinen Sprachinsel und führten nunmehr Selbstgespräche. Und Arachne lachte sie aus.

Auch in Afrika baute man Holzgerüste himmelwärts, die aber dasselbe Schicksal der Götter traf. Aus diesem Schrecken heraus entstanden fremde Sprachen. im Land der Prärie und der stillen Wüsten, sang das Wasser sein uraltes Lied vom Zorn. Dort sandten die Überlebenden nicht die Taube, sondern den Coyote aus, den Schalk und Kundschafter, dessen schlaue Pfote durch den klammen Schlamm tappte, um die Weite der zurückgewichenen Flut zu messen.

​Nach der Rückkehr des Tieres, das die Botschaft der trockenen Erde brachte, erwachte die alte Furcht in neuer Hülle. Die Menschen bauten ihre Heiligtümer, ihre Gottespaläste, nicht mehr aus Angst vor dem Zorn Gottes, sondern als geometrische Treuebekenntnisse zum Himmel – oder als Trotz gegen die feuchte Erinnerung, die in ihren Knochen saß.

​Von den Steppen des Nordens bis zu den steinernen Hochlanden Mexikos wiederholte sich das Drama. Die Pyramiden, die gestuften Tempel, waren die Zwillinge Babels, errichtet mit demselben Streben, denselben Stein um Stein gefalteten Wunsch, die Distanz zwischen Erde und Ewigkeit zu verkürzen. Es war die Logik des Überlebenden, die sich in monumentaler Architektur manifestierte.

​Und selbst dort, in den Tälern der neuen Welt, ereilte sie der Fluch der Zunge. Die Götter, unerbittlich in ihrer Sehnsucht nach Ordnung, rissen die Einheit aus der Kehle der Baumeister. Die klare Anweisung zerfiel zu einem Kauderwelsch, der Steinmetz verstand den Träger nicht mehr. Die Entzweiung durch die Sprachverwirrung ist ein universeller Atemzug, der die Völker überall trennt, ein kosmisches Echo, das von Mesopotamien über Afrika bis hin zum Horizont der aztekischen Sonne hallt.

​In jedem gebauten Stein, der nicht ganz vollendet wurde, liegt die Erkenntnis: Die Himmelsleiter ist ein Traum, den die Götter den Menschen immer wieder entreißen müssen, damit die Erde voller Vielfalt und Zerstreuung bleibt.

Und siehe, die Sehnsucht nach dem Gipfel legte sich über die Erde wie ein Netz aus Stein. In jedem Dorf, so klein es auch sei, wuchs der Kirchturm, eine stumme, steinerne Nadel, die den Himmel durchbohrte. Es war die Sublimation des babylonischen Traumes in christlicher Demut – die Höhendominanz blieb, nur das Motiv wandelte sich vom Trotz zur Anbetung.

​Die Vertikale dominiert. Sie ist der Pfahl, der die Welt hält, die Achse der Seele. Das Horizontale hingegen, die Ebene der Mühsal, des Ackers und des Alltags, gilt als gering geschätzt, als jenes feuchte Erdreich, dem die Menschheit immer entfliehen wollte.

Und die Kinder spielen Jenga, bei dem abwechselnd Holzklötze herausgezogen werden müssen und der Turm nicht einstürzen darf. Jeder herausgezogene Klotz ist eine Aktion des Entzugs, die unweigerlich an Indras Stein erinnert, der die Stütze des Dämonenturms wegnahm. Die Balance ist ein Gebet. Das Spiel ist die psychische Wiederholung des urzeitlichen Scheiterns. Eine Geometrie der Angst. Und Mikado, das feingliedrige Spiel der Stäbe, ist die ständige Übung im Entfernen ohne Kollaps, die stoische Bewältigung des Chaos, das entsteht, wenn die Ordnung der Vertikale plötzlich in die Horizontale übergeht.

Die vertikale Sehnsucht dominierte schon seit Nimrods Zeiten. Horizontales wird gering geschätzt. Und der Regen fiel morgens vertikal, abends aber horizontal. Und die Natur selbst spielt ihr eigenes, unerbittliches Spiel: Der Regen, der am Morgen vertikal fiel, eine sanfte, geordnete Linie vom Himmel, verwandelte sich am Abend im Sturm in eine horizontale Wut, die mit Macht gegen die Mauern schlug.

Du suchst verzweifelt nach Worten und bist ergriffen von einem tiefen Ausdruckverlangen. Doch es gelingt nur unverständliches Sprechen in Sprachen die es nicht gibt. Worte schälen sich und zerbrechen zu rastlosem Stammeln, zu bloßen Lauten, Konstrukten und Schöpfungen. Sie überschwemmen in unübereinstimmenden Person-Prädikat-Korelationen dein Wollen etwas auszudrücken. Ist «Sie» weiblich oder doch die Anderen, die vielen? Labiles Stottern, unhörbares Lispeln, Lallen in verwirrenden Anschwellungen verhaspeln dich in subjektlose Nebensätze; Zeitwörter die nur die Vergangenheit kennen, weder Gegenwart und Zukunft; Nur die Vorvergangenheit, denn du hast keinen Anteil an der Mitvergangenheit. Sie war stehts ohne dir und nicht mit. Und deine Wortwirbel lösen sich vom Menschen, tönen leise in die vakuösen, sphärischen Lochräume hinein und dein Schallen verliert sich dort, in Abwesenheit von einem füllenden weitertragendem Medium, echolos in deinem selbsterschaffenen Babel.

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