Die Milchgöttin der Neugeborenen mit ihrem Nährstoffreichen Kolostrum, gibt mit ihrer Laktation die weiße, körpereigene Flüssigkeit weiter. Es ist keine bloße Nahrung, sondern eine Körper-Erinnerung, die erste Impfung gegen die Feindseligkeit der Welt. Dieses Ur-Elixier, reich an Nährstoffen und schützenden Immunglobulinen, ist das Versprechen der Übertragung, die weiße, warme, körpereigene Flüssigkeit, die fließende Essenz der Mutter.

Die kolloidale Dispersion ist als Emulsion, die dem Propofol ähnlich sieht. Die Milch ist nicht nur Nährstoff, sie ist das Ur-Sedativum. Sie zieht das Neugeborene aus dem chaotischen Schrei in die sedierende, kontrollierte Ruhe. Der Säugling wird nicht nur satt, er wird beruhigt, sanft abgedämpft gegen die Reizüberflutung der neuen Existenz.

Kühle, chemisch gereinigte Milch der Supermärkte, pasteurisiert, auf Haltbarkeit getrimmt, wurde ihres flüchtigen, dringlichen Charakters beraubt. Sie ist eine tote, lagerfähige Stille. Als nunmehr Abgestillte trinken wir diese Milch. Wir trinken sie morgens, wir trinken sie abends. Wir werden nunmehr ruhiggestellt, aber nicht genährt. Die Abhängigkeit bleibt, nur die Quelle ist eine andere geworden.

 

Beim Auftreten der Zähne bekommt die Oralität des Säuglings eine Ambivalenz. Plötzlich können Zähne Schmerz vermitteln. 

Die Abstoßung beginnt. Der Mund, der eben noch reiner Sog, eine einzige, offene Geste der Annahme war, wird zum Schlund mit schmerzhaften Zähnen. Die Oralität, einst nur Melodie der Symbiose, wandelt sich zum ersten Akt der Aggression. Es ist der Geschmack des Verrats, den die Mutter erfährt, wenn der Schmerz ihre Fürsorge durchzuckt. Es ist aber auch ein stiller Verrat am Kind, es nicht mehr stillen zu wollen. Ein Verrat der gezwungenermaßen irgendwann auftreten muss. Die erste Lektion der Trennung, dass die Quelle der Liebe auch die eigene Kraft fürchten muss. 

Und die spätesten sind jung. Die neue Zeit greift nach dem alten Versorger. Die spätesten sind doch die Jungen, die Frischen, die dazu bestimmt sind, die etablierte Ordnung der reinen Abhängigkeit zu durchbrechen. Sie sind das winzige Echo des Kronos'schen Kampfes, in dem die Kinder, einst gefressen, nun ihrerseits die Mächte des Ursprungs bedrohen. Das Paradies der reinen Aufnahme ist verloren, und das Kind erfährt die erste Trennung von der Mutter als qualvolle Verwehren der Brust. Nähren und Verletzen. Diese Ambivalenz ist der erste seelische Brennpunkt. Das Kind erkennt in der verzerrten Miene der Mutter, dass seine eigene Macht, die Macht zur Wunde, eine unentrinnbare Schuld gebiert. Die bedingungslose Liebe, jene mythische Einheit, zerfällt in die Dualität von Sehnsucht und Angst vor Zerstörung. Es ist die erste Verinnerlichung des Schicksals: Das äußere Orakel des Unheils wird nun zum inneren Konflikt. Das Kind fraß nicht seine Eltern, wie Kronos befürchtete; es fraß die Einheit und schuf stattdessen die Leere der Individualität. Die Angst, verschlungen oder verstoßen zu werden – wird zur täglichen Arbeit der Seele, zur Bewältigung der Tatsache, dass man ein Einzelgänger ist, der die Wärme der verlorenen Einheit mit der liebenden, bergenden Mutter ständig sucht. 

Wie einstmals bei der Geburt der Milchstraße, als Hera den gierig saugenden Herakles aus Schmerz von sich stößt und die überschießende Milch in das Universum diffundierte. Der Schmerz wurde kosmisch, als Spasmus der Unendlichkeit. Gleichzeitig führt es zur kalten Entfremdung, mit der uns der Sternenhimmel entgegentritt. Und das Kind, nun getrennt und sehend, blickt in die Leere und weiß, dass sein eigenes Verlangen die Ursache für die Einsamkeit des Raumes ist.

Isis die Horus stillt, Maria lactans die nicht nur das Jesuskind stillt, sondern auch die Lippen von Bernhard von Clairvaux benetzte und ihm dadurch die Beredsamkeit schenkte. Beredsamkeit, die mit einem vollen Munde allerdings nicht gelingen kann. Beredsamkeit die ihn zum Prediger der Kreuzzüge machte. Doch Stillen erzwingt die Stille. Wenn das Kind schreit, so stille es. Fülle den Mund mit Milch, damit das Schreien verstummt. Es geht nicht nur darum, den Bauch zu sättigen, sondern darum, den Ort der Sprache, das Organ des Ausdrucks, mit der primordialen, reinen Substanz zu besetzen. Die Milch ist das flüssige Schweigen, das sich sanft über die zerrissene Welt legt. Sobald der Mund gefüllt ist, ist das Wort nicht mehr notwendig. Es entsteht der Zustand, der vor allem Wissen und aller Rede liegt: die vollkommene, nährende Stille.

Die weiße Milch als Lebensspender ist darauf ausgelegt, direkt von der Brust in den Mund zu gelangen. Die Milch an sich ist nur schwer haltbar zu machen, da es nicht in ihrer Natur liegt, haltbar zu sein. Milch ist ein instantanes Sättigungsmittel, das ohne Kühlung, Pasteurisierung und Sterilisation alsbald schlecht wird. Die weiße Flüssigkeit diktiert die spendende Zisterne, die Brust und den sich füllenden Mund. Sie ist die flüssige Zeit selbst, ungeduldig, nicht für die Lagerung geschaffen. Sie verweigert die Historisierung. Ihre Natur ist der Augenblick und die Vergänglichkeit. Das ist ihre archetypische Bedeutung als Choreographie zwischen Geben und Nehmen, ein Rhythmus zwischen Mangel und Sättigung. Die nährende Brust ist nicht ständig da und ihre Abwesenheit zur Sättigung chronifiziert das Kleinkind und erschafft erste Zeitstrukturen. Ihre Abwesenheit ist das Vakuum, das die erste Struktur in das unendliche Jetzt des Kleinkindes reißt. Es ist die schmerzhafte Erkenntnis: Die Quelle verschwindet.

Wie beim Rauchen eine zeitliche Extrapolation bis zur nächsten Zigarette entsteht, so entsteht dies auch im Fort-Da-Spiel der Mutterbrust. Und der Mangel beweist am besten das Abhängigkeitsverhältnis. Überall, wo sich Mangel auch nur im abstraktesten Sinn als negative Regung manifestiert, liegt eine Abhängigkeit vor. So knie nieder zu deiner linken, in der Krypta der romanischen Kirche Ascoli Picenos, wenn du von Assisi kommend durch das Apenninental kommst, denn dort findet sich eine sehr alte romanische Darstellung der Maria Lactans in der Krypta die der bergende Schoß der Mutter selbst ist.

Und wir alle haben eine Urvorstellung von Brust. Bevor du sprichst, sei gestillt, noch bevor du alpha sagen kannst. Bevor du suchst, nimm an, dass du Mangel hast. Es gibt nichts zu erreichen, nichts zu beweisen. Im bergenden Schoß der Krypta sind wir alle noch Säuglinge. Bevor du sprichst, sei gestillt!

 

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