{"id":74117,"date":"2021-08-28T07:53:51","date_gmt":"2021-08-28T05:53:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herbstzeitlos.tk\/?p=74117"},"modified":"2021-12-27T10:27:03","modified_gmt":"2021-12-27T09:27:03","slug":"spiel-der-koenige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/?p=74117","title":{"rendered":"Spiel der K\u00f6nige"},"content":{"rendered":"<p>Den ganzen Winter durch wurde Schach gespielt, die Spielst\u00e4rke st\u00e4ndig schwankend, abh\u00e4ngig von der pers\u00f6nlichen Befindlichkeit und der kognitiven Verfassung: Unsere ganz pers\u00f6nliche Schachnovelle. Die Umgebung wurde f\u00fcr kurze Zeit vergessen, das Wetter spielte wie immer keine Rolle, ganz egal ob die Sonne scheint, es st\u00fcrmte oder schneit. Seinsvergessen spielte man Zug f\u00fcr Zug, Nachmittag f\u00fcr Nachmittag. Gefl\u00fcchtet in die Abstraktheit eines Spiels, umgeben von Bauern, Reitern und anderen Figuren aus dem Milieu der altert\u00fcmlichen Soziet\u00e4t. Abstrakte Schlachten, die im Leben niemals ausgefochten werden, doch grundlegendes, demiurgisches Machtstreben des Macchiavelli beinhaltet. Sinnbild der biochemischen Transmitter, die im Chaos des synaptischen Spalts um den Rezeptor k\u00e4mpfen, kompetitiv als Agonisten und Antagonisten, die Affinit\u00e4t anstrebend, geleitet durch Osmosen und Diffusionen im Spalt der Synapse. Und in den n\u00e4chtlichen REM-Phasen der Gezeichneten tauchen Schl\u00fcsselereignisse auf von Kriegen und Aufst\u00e4nden zwischen Gruppen von feindlich gesinnten Menschen und der Drang sich vor ihnen zu verstecken, das nur mit M\u00fche und Not gelingen will, in br\u00fcchigen Geb\u00e4uden und Verschl\u00e4gen, w\u00e4hrend im Hintergrund kaskadenf\u00f6rmig die Geb\u00e4ude einbrechen. Diese Traumwelten sind unsere privaten Mythen, gekostet aus dem kollektiven Unbewussten der \u00f6ffentlichen Mythen. Einschlafen ist einfach, aber wie man aufwacht ist entscheidend, vor allem wenn man \u00f6fters an einem Tag aufwacht. Und umso mehr N\u00e4chte, desto mehr Tr\u00e4ume, die alsbald in Vergessenheit geraten in der Zunahme des Bewusstseins, wie die Erinnerungen von denen sie sagen werden, es habe sie nicht gegeben. Gerade das Bewusstsein l\u00e4sst die Tr\u00e4ume vergessen, w\u00e4hrend es gerade im Wachzustand das Vergessen vermeidet. Die mentale Wiedererlangung von Vergangenem zehrt aus dem Repertoire l\u00e4ngst gespielter Spiele, in denen du trotz des historischen Sicherheitsabstands von Jahren, die vergessene St\u00e4rke wiedererlangst. Die Wunde als Zeichen oberster Oberfl\u00e4che, aus der Vergangenheit sch\u00f6pfend. Mit jedem Name entsteht Geschichte, die geschichtslose Idylle schenkt uns nur der Traum. Revoltierend gegen die Flut des Schlafs, Seite f\u00fcr Seite bis ich versinke und das Buch weglege wie das Leben. Nyx die K\u00f6nigin der Nacht gebar Hypnos und Thanatos als die beiden Bewusstseinszust\u00e4nden von Schlaf und Tod. Und selbst der Tod ist gewisserma\u00dfen ein sanftes Entschlafen, insofern die K\u00e4mpfe der Agonie ausbleiben. So tragen beide die Dunkelheit ihrer Mutter in sich und Morpheus, der Sohn des Hypnos schreitet durch die Schlafmohnfelder und unterdr\u00fcckt die Agonie mit dem Morphium der wei\u00dfsaftigen Kapseln. Morpheus, das Sandm\u00e4nnchen in den Geriatrien. Und so ist auch der graduelle Status des Bewusstseins f\u00fcr das Schachspielen entscheidend, denn nur im Fokus lassen sich die Figuren richtig ziehen. Die Fehlerhaftigkeit schleicht sich in den zarten Rausch des Bewusstseins ein. Die Menschen verstricken sich inzwischen in theoretische Gedankenspiele und Schachkompositionen, um die Macht des exponentiellen Wachstums zu zeigen, damals als das Brot noch \u00dcberleben bedeutete und in ihren Kommunionen andauernd gebrochen wird. Sie beginnen im ersten Feld mit zwei Weizenk\u00f6rnern aus goldenen \u00c4hren und quadrieren die Anzahl im folgenden Feld, bis auf dem letzten Feld viel mehr als die gesamte Ernte eines Landes liegen w\u00fcrde. Sie zeigen die exponentielle Zunahme des Weizenkorns auf den Schachbrettfeldern und erlangen durch ihre Gedankenspielereien neue theoretische Erkenntnisse, die ihrer Form nach nur wenig von einem eleusinischen Mysterienkult abweichen, wie einst die biblische Brotvermehrung. Mehr als achtzehn Trillionen Weizenk\u00f6rner bedecken die vierundsechzig Felder des Schachbretts und machen die Theorie des Schachspiels in der Praxis unm\u00f6glich. Doch der Mensch lebt bekanntlich nicht von Brot allein. Die Weizenkornlegende verschweigt wie immer die Gef\u00e4hrlichkeit des Mutterkorns mit seiner Lysergs\u00e4ure, die das Antoniusfeuer aufglimmen l\u00e4sst, im Wechselspiel zwischen Besessenheit und Heiligkeit. Diese Sklerotien l\u00f6sten eine Hyperthermie aus und schaffte die H\u00f6lle im Inneren des K\u00f6rpers. Die \u00c4rmsten, die sich ausschlie\u00dflich von Getreide ern\u00e4hrten, vermahlen und verbacken, verbrannten innerlich am ergotismischen, heiligen Feuer. Die Grundnahrung der Asketen wurde durchzogen von Alkaloiden was ihre Gottesn\u00e4he und Heiligkeit begr\u00fcndete, transzendiert durch die Myzelbildung der Schlauchpilze, die vorallem das Fr\u00fchjahr mit sich brachte. Sie beten immernoch am Isenheimer Altar zum heiligen Antonius und immernoch brennt das Feuer in den K\u00f6rpern der Gezeichneten, die sich vor ihren Schachbrettern nach Brot und Spielen sehnen. Die Sphinx stellt vielerlei theoretische Schachr\u00e4tsel, die zu l\u00f6sen sind, sitzende L\u00f6wenwesen die einem gef\u00e4hrlich werden, sollte jemand das R\u00e4tsel nicht l\u00f6sen. So r\u00e4tseln sie \u00fcber Probleme den K\u00f6nig mattzusetzen, wollen nur Endspiele und beste Z\u00fcge betrachten, deren Zusammenkommen sie nicht interessiert, w\u00e4hrend du immer noch lethargisch in deinen Er\u00f6ffnungen verweilst und deine ungeordneten Analysen hegst, welche Gefahr droht und welcher Folgezug den Gegner in Verlegenheit bringt. Diese passive Verweilen und Abwarten in der Er\u00f6ffnung ist gleichsam ein Innehalten und ein re-signere. Er\u00f6ffnungen sind der abgenutzteste Teil einer Partie und wurden bis zur Ersch\u00f6pfung durchanalysiert. Rasch folgt Zug auf Zug, theorielastig, wo das Ged\u00e4chtnis wichtiger ist als kognitive Kalkulationen. Alles wird schlussendlich f\u00fcr den K\u00f6nig gemacht, ihn zu sch\u00fctzen und ihn anzugreifen. Doch wird er selbst niemals geschlagen, denn die W\u00fcrde des K\u00f6nigs ist unantastbar in seiner fig\u00fcrlichen Substanz. Obwohl im Folgezug das unabwendbar geschehen w\u00fcrde, beendet man die Partie davor mit der w\u00fcrdevollen Geste den K\u00f6nig umzukippen. Doch sie r\u00e4tseln inzwischen dar\u00fcber, wie man acht Damen so auf dem Feld positioniert, sodass sie sich im Folgezug nicht schlagen k\u00f6nnen. Diese R\u00e4tsel sind Herausforderungen, die sich selbst wie Steine in den Weg gelegt haben und rein theoretischer Natur. Sie haben keine Geduld mehr und f\u00fchren Zeiteinheiten ein, die immer k\u00fcrzer werden. Bestm\u00f6glich sollte ein Spiel ein Blitzspiel sein, ohne auf den Donner zu warten. Ein einseitiges Unwetter, dessen Donnergrollen fehlt, wie das Wetterleuchten, dessen Schall in den Weiten der Luft versumpft. Die Zeit der langen Spiele sind l\u00e4ngst vorbei. Nur Ungl\u00fcckliche haben es niemals eilig. Sie spielen ein Denkspiel, ohne denken zu wollen und verzagen am L\u00f6sen der Gleichung mit mehreren Variabeln. F\u00fcr uns spielte Zeit schon lange keine Rolle mehr. Sie ist keine Dimension, sondern eine Angst. Die Urangst des Verlierens. Und so lastet der Druck der Zeit auf den Schultern der Gro\u00dfmeister, w\u00e4hrend sie immernoch in ihren Theorien und Vorbereitungen verweilen. Dich aber tangiert nur die subjektive, deiktische Zeit, die von der richtigen Zeitlichkeit der Schachuhr abweicht. Diese deiktische Zeit vergeht schnell, insofern etwas als angenehm erscheint und z\u00e4h, sobald Unangenehmes geschieht, als wolle das Unangenehme das Leben vereinnahmen. Durch die Schwere des Lebens wird die Zeit langsamer, wie auch die massereichen, kosmischen Objekte die Zeit dehnen, w\u00e4hrend die unbeschwerte Seichtheit die Zeit vergehen l\u00e4sst. Die kosmischen Tr\u00e4nen sickern ein in das Leiden der terrestrischen Menschen. Und so reicht die Relativit\u00e4tstheorie weit in das schwere Leiden hinein. Das Gef\u00fchl der Zeit weicht von der objektiven, realen Zeit ab und zerberstet im circadianen Rhythmus der Tage, w\u00e4hrend Faust immernoch auf der Suche nach dem verweilenswerten Augenblick ist. Gegenw\u00e4rtiges Reales, Vergangenes Symbolisches, Zukunftiges Imagin\u00e4res, das Geheimnis der Zeitlichkeit und des damit verbundenen Umgangs mit seiner Triade an Zeitformen. In den Tiefen des Bretts auf den Feldern der Abstraktionen sind sie auf die Seichtheit bedacht. Das Versprechen m\u00f6glichst einfach und unkompliziert zu spielen, ohne in der Tiefe des Bretts zu versinken, wird h\u00e4ufig gebrochen und die Seichtheit des Unterhaltungsspiels geht sogleich in Verbissenheit verloren, die einen bisweilen regelrecht ersch\u00f6pft. Wie im Leben machst du eine Sache entweder mit tiefer Inbrunst und Leidenschaft, oder eben gar nicht. Wer anstelle von Seichtheit, wahre Tiefe besitzt, f\u00fcr den ist das Leben hier wahrlich keine Heimat. Das Leben wird provoziert fernab der gesunden Seichtheit, die du nicht erreichen kannst. Selbst die Einsicht dieser Tatsache hilft dir nicht zu Leben. Die Tiefe kann bewusst nicht verlassen werden. Geh\u00e4rtet durch oftmals unsinnigerweise eingestellter Figurenopfer im Alles oder<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>nichts, kommt die Verbissenheit oftmals ans Licht, als Auffluktuieren kurzen Trotzes und Hasses, aber auch die passive Entsagung des Zulassens, das oftmals in die Resignation f\u00fchrt. Du spielst zu wenig mit Liebe und niemals w\u00fcrdest du Remis anbieten, es sei denn es ist erzwungen. Oftmals wird ein Remis schon gar nicht erkannt und somit nicht angeboten. Keine Lust auf Endspiele und Pyrrhussiege spielst du unreflektiert und auf Gewinn, das so oder so zum Nachteil f\u00fchrt. Selbst der Sieg ist ein zu teuer erkauftet Erfolg, der nur Ersch\u00f6pfung mit sich bringt. Der Sieger geht wie der Verlierer aus der Partie. Die Gleichg\u00fcltigkeit deiner nachteiligen, riskanten Z\u00fcge, sind schlussendlich nur Selbstaufopferungen. Indem man sich selbst besiegt geht man indem man verliert, als Sieger aus dem Spiel. Als Sieger \u00fcber sich selbst ist man durch die selbst verschuldete Niederlage ein Besiegter und Sieger zugleich. Wenn Besiegter ist der Verliert und Sieger wer gewinnt, mache ich mich besiegt bekennend, durch mein eigenes Verschulden, zum Sieger. Das Spiel wird am Ende ein Duell zwischen sich selbst. Wir tauschen keine Bauern ab, aber scheuen nicht die Tempoverluste, die T\u00fcrme vor die Bauern zu schwenken. Pl\u00f6tzlich werden alle<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leichtfiguren abgetauscht und man steht im Endspiel mit allen Bauern und geschlossenen Linien. Doch die Gro\u00dfmeister spielen taktisch und spielen immer \u00f6fter auf Remis, tollk\u00fchne und interessante Stellungen vermeidend zum Leidwesen des kampflustigen, z\u00e4hnefletschenden Publikums, vor allem von solchen, die Schach als Sport bezeichnen, mit seinem kompetitiven Prinzip, das aus der Natur geborgen wurde. Dadurch wird die sonst so wichtige Affektenkontrolle im Spiel nichtig. Die Freiheit von Leidenschaften, der Apatheia, der Selbstgen\u00fcgsamkeit, der Autarkia und der Unersch\u00fctterlichkeit, der Ataraxia, w\u00e4ren f\u00fcr ein Schachspiel wichtig um eine stoische Ruhe zu bewahren. Deine Z\u00fcge kommen mir entgegen. Z\u00fcge, die sich anbieten aber niemals kommen werden. Durch kluges Tauschen streben sie eine Reduktion von Komplexit\u00e4t an, in Gedanken versunken im \u201eWie du mir, so ich dir.\u201c Ein Frage &#8211; Antwort Spiel, das sich auf die Wertigkeit der Figuren bezieht und dessen Prinzip durchaus einem utilitaristischen Gedankengang \u00e4hnelt. Bestrebungen wie in der Marktwirtschaft und des Tauschhandels treten hier im Spiel in den Vordergrund. Dennoch schwankt die Figurenst\u00e4rke innerhalb eines Spiel, statisch bleiben nur die g\u00fcltigen Z\u00fcge der jeweiligen Figur. Ansonsten herrscht ein komplexes Verh\u00e4ltnis zwischen Position und Aktivit\u00e4t aus der sich der Wert einer Figur zusammensetzt Im Spielverlauf werden pl\u00f6tzlich die Bauern und die Aktivit\u00e4t des K\u00f6nigs entscheidend, die Orthogonalit\u00e4t des Turms gewinnt ihren Sinn erst in den offenen Linien des fortgeschrittenen Spiels. Die Diagonalit\u00e4t des L\u00e4ufers und seine Weitschrittigkeit tritt bereits fr\u00fcher in den Vordergrund. Sie sind vor allem im Paar effektiv, da erst beide L\u00e4ufer die schwarzen und wei\u00dfen Felder beschreiten k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen die Feldfarbe niemals wechseln und bleiben schwarzfeldrig und wei\u00dffeldrig bis in alle Ewigkeit in gro\u00dfer Distanz, da sie sich niemals in die Quere kommen k\u00f6nnen. Man merkt ziemlich schnell, wenn ein L\u00e4ufer fehlt, denn pl\u00f6tzlich fehlt die Kontrolle und der Druck auf den wei\u00dfen oder schwarzen Feldern, denn die Farbe des abwesenden L\u00e4ufers verringert die Kontrolle der jeweiligen Feldfarbe. Sie trennten sich vom Zwei in einer Welt, die jede Parit\u00e4t vermeidet und jeden allein sein l\u00e4sst. Die Macht der Liebe sich nicht verk\u00fcmmern zu lassen f\u00fchrt in das Trauma der Trennung. Der K\u00f6nig w\u00e4hnt sich w\u00e4hrenddessen sicherer auf der anderen Feldfarbe, die der L\u00e4ufer niemals erreichen kann. Besitzt man pl\u00f6tzlich zwei gleichfarbige L\u00e4ufer, so kann das nur durch eine Umwandlung eines Bauern geschehen. Gleichgewichte, die sich aufwiegen und hin und her schwanken, wo oftmals nur ein Zug ausreicht um das Spiel zu kippen. Selbst eine siegessichere Position, kann pl\u00f6tzlich im Folgezug, den Verlust bedeuten. Sprunghaft, nicht kontinuierlich, springt das Resultat zwischen den zwei Extrema hin und her. Daf\u00fcr ist oftmals die anf\u00e4ngliche Symmetrie der Stellung verantwortlich, die pl\u00f6tzlich zur Asymmetrie verkommt und durch das Ungleichgewicht eine neue Dynamik ins Spiel bringt. Solche Strukturbildungen und Formprinzipien emergieren aus der rationalen, logischen Zugf\u00fchrung. Vermehrt finden sich Strukturen wieder, die sich in vielen Schachspielen wiederfinden lassen. Die Vielfalt aller m\u00f6glichen Z\u00fcge l\u00e4sst sich nur durch Gruppierung und Ordnung b\u00e4ndigen, woraus sich durch dieses Streben wieder gewisse Figurenstrukturen verfestigen. Gerade in der Er\u00f6ffnung leitet uns die Aufbaukunst um gew\u00fcnschte Schachkompositionen zu erhalten. Im Mittelspiel droht dann das Auseinanderfallen der Strukturen, die anf\u00e4ngliche Ordnung verwandelt sich zunehmend in chaotischere Stellungen, wie das Auseinanderfallen des Ichs. Man ist stets bem\u00fcht neue Ordnung durch das Zusammenf\u00fcgen zu neuer Ordnung zu gelangen. Aus dem schizoiden Flickwerk kommt die Erkenntnis, dass man daraus riesige Mannigfaltigkeiten im Lebensspiel erreichen kann. So erbauen wir immer wieder aufs Neue aus den Figuren unseres zerlegten Ichs, immerzu neue Gruppen, mit neuen Spielen und Spannungen mit ewig neuen Situationen. Dann strich er mit heiterer Geb\u00e4rde \u00fcber das Brett, warf alle Figuren sachte um, schob sie auf einen Haufen und baute nachdenklich, ein w\u00e4hlerischer K\u00fcnstler, aus denselben Figuren ein ganz neues Spiel auf, mit ganz anderen Gruppierungen, Beziehungen und Verflechtungen. Das zweite Spiel war dem ersten verwandt: es war dieselbe Welt, dasselbe Material, aus dem er es aufbaute. Aber die Tonart war ver\u00e4ndert, das Tempo gewechselt, die Motive anders betont, die Situationen anders gestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so baute der kluge Aufbauer aus den Gestalten, deren jede ein St\u00fcck meiner selbst war,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ein Spiel ums andere auf, alle einander von ferne \u00e4hnlich, alle erkennbar als derselben Welt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>angeh\u00f6rig, derselben Herkunft verpflichtet, dennoch jedes v\u00f6llig neu. Ich Spiele und du gewinnst. Die Symmetrie verbirgt in sich bereits die die T\u00fccke, bis sie sich pl\u00f6tzlich offenbart. Zus\u00e4tzlich herrscht immer die Asymmetrie dadurch vor, dass Wei\u00df prinzipiell immer einen Zug vorauseilt und dadurch zumindest anfangs die Initiative besitzt. Die Entscheidung einen Bauern zu ziehen ist eine entg\u00fcltige Entscheidung. Er strebt immer nach vorne, keine Wege f\u00fchren zur\u00fcck und vergangene Orte lassen sich niemals wieder erreichen. Er schl\u00e4gt als einziger nicht in die Richtung in der er zieht. Sie kennen nur Zukunft und die Gegenwart, alles strebt nach vorne wie auch die Evolution an der Spitze der Art kulminiert und sich nur innerhalb eines definierten Spielraums bewegen kann. Die Wege zur\u00fcck bleiben wie so oft versperrt und die Art geht oftmals an neuen Umweltverh\u00e4ltnissen an ihrer eigenen Individuation zu Grunde, wie damals die Urzeithirsche mit m\u00e4chtigem Geweih in den dichten W\u00e4ldern der K\u00f6hler die das Hindurchkommen der Waldl\u00e4ufer unm\u00f6glich machte. So blockieren auch die Bauer in der Er\u00f6ffnung die anderen Figuren, bis es zu einem Bruch der Bauernketten kommt und die anderen Figuren freie Wege erhalten, denn durch den Bauernwald gelangt man nur durch einen Abtausch. Der entropische Zeitpfeil ist nur unidirektional und zeigt nach vorne. Und so lastet die Erbschuld auf uns, damals als Strafe der G\u00f6tter &#8211; heute, als Strafe der Gene. Die Entropie nimmt im Laufe eines Schachspiels immer zu und l\u00e4sst sich nur durch Intervenieren und Zur\u00fccksetzen erreichen, was durch die Regeln nicht erlaubt ist. Das Regelwerk verk\u00f6rpert somit den rigorosen Vorw\u00e4rtsgang in Zeit und Entropie und kennt keine Verzeihung. Orpheus verliert seine Geliebte an die Unterwelt, so bald er sich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>zur\u00fcckwendet. Und die Bauern schreiten immer weiter in die gegnerische Spielfeldh\u00e4lfte zuallererst mit Doppelz\u00fcgen und pl\u00f6tzlich f\u00fchrt mein langes Hadern und Zulassen ins en passant. Sie blockieren zun\u00e4chst die Linien des Gegners und nehmen oft die Bauernstruktur einer Flohstra\u00dfe an, die sich als besonders robust erweist. Und so errichten sie die Grundstrukturen der menschlichen Existenz. Die Freibauern erhalten im Endspiel pl\u00f6tzlich vom K\u00f6nig Unterst\u00fctzung und es Beginnt ein Lauf des K\u00f6nigs \u00fcber das gesamte Brett, manchmal die Opposition des anderen K\u00f6nigs suchend, wie es das Spiel der K\u00f6nige verlangt. Das Endspiel wird immer mit den K\u00f6nigen bestritten, da sie sich immerzu auf dem Brett befinden, solange das Spiel anh\u00e4lt. Selbst das Ber\u00fchren einer Figur erzwingt den Zug mit derselben. Die Entscheidungsfindung ist nur in Gedanken erlaubt, die weitere Abfolge ist erzwungen, sobald die taktile Ber\u00fchrung erfolgt ist. Das Taktile ergibt sich aus den elektromagnetischen Absto\u00dfungskr\u00e4ften und den Valenzelektronen die an der Grenze sich sto\u00dfen. Es gilt das Noli me tangere bevor man nicht fertig gedacht hat, wie das R\u00fchrmichnichtan der zarten Mimosa pudica, die eigentlich viel zu sensibel f\u00fcr die Natur ist und bei jeder Ber\u00fchrung zusammenzuckt. Sie wird gereizt durch die unsachten und groben H\u00e4nde der Kinder, die andauernd die schamhafte Leidensf\u00e4higkeit der Pflanze provozieren. Nastien, die die Turgorbewegung bei Ber\u00fchrung der gefiederten Bl\u00e4tter erzwingen. Die Grausamkeit der Kinder, die selbst die Reizbarkeit der Fauna ausnutzen. Sie greifen in die Wunde und die Wunde sind sie von nun an selbst, in ihren peripersonalen R\u00e4umen, die sie von der Gesellschaft trennen, so wie die Figuren im Schach niemals das Feld teilen, sondern sich schlagen. Im Nexus der Kausalit\u00e4t erfolgt der Zug als Implikat, restringiert durch die Forderung eines der Figur inh\u00e4renten, g\u00fcltigen Zugs. So wirke nicht im Vorraus, denn hinter dir liegt das Feld, dass du einst verlassen und du nur im n\u00e4chsten Schritt, wenn \u00fcberhaupt zul\u00e4ssig, dieses Feld wieder besetzen kannst, w\u00e4hrend die Zeit verloren ist und die Salzs\u00e4ulen in deinem R\u00fccken st\u00e4ndig wachsen bis zum Zugzwang, dem letzten deiner Z\u00fcge, der kein Pardon kennt und auch den sinnlosesten aller Z\u00fcge erzwingt. Ursache und Wirkung, Ursache und Strafe. Das Ross f\u00fchlt sich gut aufgehoben vor sch\u00fctzenden Bauern und gerade das \u201eUm-die-Ecke-Denken\u201c birgt die Gefahr in sich, da die meisten Menschen naturgem\u00e4\u00df niemals um die Ecke denken. Der Gedankengang, der Tiefe erfordert, wird meistens vermieden. \u201eIhr m\u00fcsst tiefer tauchen\u201c, sagte der Schwimmlehrer. Und die Perlentaucherinnen des Mathew Barney holen inzwischen die sandentstandenden Perlen aus den gek\u00fcssten Muschelm\u00fcndern und bringen die Perlmutk\u00fcgelchen in ihre M\u00fcnder an die Oberfl\u00e4che, wo sie sie dann erbrechen. Und Tiere die Perlen bilden sind immerzu verschlossen. Die Oberfl\u00e4che verspricht die Seichtheit, das zeugt nicht unbedingt von Unverst\u00e4ndnis, sondern von einer fehlenden Bereitschaft sich auf das Denken einzulassen. Und oftmals werden die Gedanken nicht zu Ende gedacht. Sie brechen notwendiger Weise irgendwann ab, da sie sonst eine absolute Handlungsunf\u00e4higkeit hervorrufen. Der Springer positioniert sich gut im Zentrum des Bretts und nicht am Spielfeldrand, wo er einen weiten Angriffsradius besitzt, denn am Rande, da liegt die Schande. Im Leben steht man als Springer oftmals im Zentrum eines 3&#215;3 Feldes, wo kein Zug mehr m\u00f6glich ist, da das vierte Feld fehlt. Der Springer verinnerlicht insgeheim einen einschrittigen Turm- und L\u00e4uferzug und es ist im Egal was dazwischensteht. W\u00e4hrenddessen \u00fcben sich die Kinder im Tempelspringen. Im letzten Feld, dem Himmel, als rundb\u00f6giges Tympanon drehen sie um und springen wieder zur\u00fcck, f\u00fcr solche, die der Himmel kein Zustand des Verweilens bedeutet. Bei jedem Zug alterniert die Feldfarbe des Springers und er ben\u00f6tigt oft mehrere Schritte, um ihn zu positionieren. Er bringt oftmals die Gefahr einer Gabel in sich und bedroht unvermeidlich zwei oder mehrere Figuren, von der mindestens eine Figur unvermeidlich verloren ist. Das Opfer zur Errettung andere ist wahrscheinlich das schlimmste aller moralischen Dilemma an dem der Utilitarismus zu bersten beginnt. Das Springen und das Sprunghafte ist schwierig, nur das kontinuierliche wirkt nat\u00fcrlich und l\u00e4sst die vorausschauende Erwartung zu, in der man sich sicher f\u00fchlt. Als Kind wird das Springen durch das Wiegen ersetzt. Sanft gleitet das Kind hin und her und her und hin. Und das Meer widmet sich dem Ufer. Und Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck und Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck und wie ein Schiff im Meer. Und wie ein Schiff im Meer. Das Schaukelpferd und seine Wiege maskiert die Sprunghaftigkeit des Rosses durch die Kipprundung des Schaukelpferds und die Mnemosyne singt dazu die drohenden Wiegelieder von Reitern die in den Graben fallen, w\u00e4hrend des Fallens schreien und die von Raben gefressen werden. Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? Siehst Vater du den Erlk\u00f6nig nicht? Und Laokoon warnte vor der Gefahr der Pferde und wurde nicht ernst genommen, wie die Fiebertr\u00e4ume der Kinder. Du stellst mich vor die Wahl von Verh\u00e4ngnissen und pl\u00f6tzlich kollabiert der M\u00f6glichkeitsraum der g\u00fcltigen Z\u00fcge und das Spiel ging sogleich kaputt. Im Bangen deiner Z\u00fcge, die dir Zug f\u00fcr Zug entglitten, warte ich auf einen ung\u00fcnstigen Zug von dir, um endlich Gegenspiel zu bekommen. Meine Grenzen sind deine M\u00f6glichkeiten, indem ich zulasse und \u00fcbersehe. Die Rochade bringt den Turm ins Spiel und bringt den K\u00f6nig gleichzeitig in eine sichere Position hinter den Bauern. Du w\u00fcnscht dir nichts sehnlicher als eine Rochade aus der Penetranz des Lebens hinein, hinter einem Wall aus Sicherheit und Abgeschiedenheit um dort zu verweilen am Eck des Spielfeldes, das sich Leben nennt. Ziel gegen Ende des Spiels ist es die beiden T\u00fcrme zu verbinden und sie wom\u00f6glich auf eine Linie zu verdoppeln. Doch der richtige Zeitpunkt der Rochade wird oft verpasst, aus Angst vor Tempoverlusten und die pl\u00f6tzlichen, salzigen Schachausrufe kommen ung\u00fcnstig und verhindern sogleich die Rochade. Der K\u00f6nig muss wandern damit er nicht ermattet. Die K\u00f6nigin besitzt den gr\u00f6\u00dften Freiheitsgrad, verk\u00f6rpert in ihren Zugm\u00f6glichkeiten und gilt somit als st\u00e4rkste Figur auf dem Brett. Ihre Anfangsstellung ergibt sich durch den gerne gesagten Merksatz: Wei\u00dfe Dame, wei\u00dfes Feld\u2013 Schwarze Dame, schwarzes Feld. Regina regit colorem. Sie diktiert die Farbe. Man wei\u00df, wenn man wei\u00df ist, oder die K\u00f6nigin der Nacht mit ihrem Schattenk\u00f6nig. Persephone erklimmt langsam den abfallenden H\u00fcgel der Unterwelt. Auch sie ist die K\u00f6nigin der Nacht gewesen, w\u00e4hrend der langen, d\u00fcsteren Wintermonaten und kommt einmal im Jahr aus der Unterwelt mit dem Geschenk des Fr\u00fchlings, wie die Dynamik der Zweiweltenlehre der Religionen in all den Hunderten an Jahreszeiten. Die zwei Naturen, wie im Schachspiel die zwei Farben, sind das Licht und die Finsternis, das am Anfang aller Zeiten einmal getrennt war. In der gegenw\u00e4rtigen Zeit kam es zu einer Durchmischung beider und es herrschte der Zwischenzustand der D\u00e4mmerung. Erst in der Zukunft wird sich hell und dunkel wieder scheiden. Wenn die Lichtbefreiung fast vollendet und die materielle Welt zu einem Klumpen zusammengeschmolzen ist, tritt die Endzeit der manich\u00e4ischen Heilsgeschichte ein. Eine Neuerstehung, nach der endg\u00fcltigen Trennung von Licht und Finsternis, findet nicht statt. Die Heilsgeschichte endet mit der vollst\u00e4ndigen und endg\u00fcltigen Trennung von Licht und Finsternis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den ganzen Winter durch wurde Schach gespielt, die Spielst\u00e4rke st\u00e4ndig schwankend, abh\u00e4ngig von der pers\u00f6nlichen Befindlichkeit und der kognitiven Verfassung: [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":74122,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-74117","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reminiszenzen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74117"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74500,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74117\/revisions\/74500"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/74122"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}