{"id":68,"date":"2017-11-20T21:42:00","date_gmt":"2017-11-20T20:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herbstzeitlos.tk\/\/reminiszenzen-ix-hochwald\/"},"modified":"2021-08-10T14:02:01","modified_gmt":"2021-08-10T12:02:01","slug":"reminiszenzen-ix-hochwald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/?p=68","title":{"rendered":"Reminiszenzen IX (Hochwald)"},"content":{"rendered":"<div dir=\"ltr\">\n<p>Unbarmherzige Fr\u00fche, die du die existenzielle Kasteiung der in die Welt Geworfenen in aller Deutlichkeit zu vermitteln vermagst, Frost und Raureif, tiefes Alleinsein um nicht zu frieren.<\/p>\n<p>Frohlocke \u00fcber das stumpfe Empfinden und die Dumpfheit deiner Sinneswahrnehmungen in aller Fr\u00fche. Wo bleibt die Erl\u00f6sung der Erl\u00f6schung? Es gibt keine vergangenheitslosen Erz\u00e4hlungen. Und das Alter des schwebenden Staubes nimmt mit dem Aufstieg im Sonnenlicht zu. Staub dringt in die Quanta des Raumes ein und beginnt seine freien Korpuskeln mit Sein zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Du hast nicht Vorsorge getroffen f\u00fcr den neuen Tag. Aber Tag wird. Der Tag will dir aber einfach nicht in den Kopf gehen. Versch\u00e4delte Eisnukleationen zeichnen raue Fraktale an das Fenster und die Finger rutschen wie feuchte Trauben \u00fcber die innen feucht gewordene Scheibe. Noch ist allzu Winter.<\/p>\n<p>Das Milchglas wird durchsonnt und die Diffusion des Lichtes f\u00e4llt strukturlos auf die Oberfl\u00e4chen.Die Sonne scheint blendent hell, doch scheint sie auch warm? Und die Schatten bilden Sonnenflecken von Schlaglichtern auf der Mauer.<\/p>\n<p>Die B\u00e4ume h\u00e4keln sich zusammen und der b\u00f6ige Wind greift \u00fcber von Baum zu Baum. Als wieder Intermittenzen luftl\u00f6chriger Windstille eintreten schlie\u00dfen sie sich wieder. Gekr\u00f6nte B\u00e4ume am Wegesrand und in Gedanken schon benistet. Und es w\u00fcrde wieder die stacheligen Dornenkronen der scharlachroten Berberitze und die violetten Ackerdisteln geben, die auf dem Magerboden neben dem Weg gedeihen w\u00fcrden. Das ribeszierende Rot der Johannisbeeren w\u00fcrde leuchten und sie pfl\u00fccken die kleinen Farben aus dem Geh\u00f6lz, wie sie es immer tun w\u00fcrden. Und der sattrote, s\u00fc\u00df schmeckende Arillus der Eibe zerbricht in deinen H\u00e4nden, er ist wie roter Holunder zu nichts zu gebrauchen und so landen auch die letzten Eiben irgendwann auf den K\u00f6hlermeilern und die Reliquien der alten gestorbenen G\u00f6tter werden verbrannt, wie einst beim gro\u00dfen Weltenbrand in der Zeit, als die G\u00f6tter zu d\u00e4mmern begangen. Und nur du wei\u00dft, dass die roten Fr\u00fcchte essbar sind, die becherf\u00f6rmig die giftigen Samen umh\u00fcllen.<\/p>\n<p>Die Schnitter sicheln sich durch die Felder denn sie wissen nicht was sie tun und im Hochsommer, die gro\u00dfe Sammlung von Erdgew\u00e4chsen der Grabemenschen, wie jedes Jahr im Jahreskreis. Es regnet und du gehst unter dichteren B\u00e4umen.<br \/>\nDu bist im Wald, und stehst v\u00f6llig durchl\u00e4ssig im undurchl\u00e4ssigem Dickicht. Ein M\u00e4nnlein steht im Walde. Die beblitzten B\u00e4ume werfen kurz lange Schatten. Und sie z\u00e4hlen schon die Sekunden bis zum Donner. Je k\u00fcrzer desto besser, am besten w\u00e4re simultan.<\/p>\n<p>Fette Nimbuswolken mit ihren dunklen Rippen d\u00fcnnen Richtung Osten hin aus und das Gewitter diffundiert in die Helle des Himmels bis hin zur Unkenntlichkeit in die fransigen Cirruswolken. Ein Blauverlauf in grau wei\u00df.<\/p>\n<p>Und die Glocken schwingen ohne zu schlagen und kein Klang f\u00e4llt in das Dorf.<br \/>\nEs ist hoher Mittag doch die Glocken melden ihn nicht. Wie seitlich die Sonne schon scheint und die Schornsteine rosarot rauchen. Und \u00fcber den D\u00e4chern liegt Hoffnung wie ein Gewitter. Ach gebt mir keine Hoffnung. Die macht mich nur traurig. Es ist der Abend des Tages.<\/p>\n<p>Aber nicht jetzt. Aber jetzt nicht.<\/p>\n<p>Der Wintereinbruch kam allzu pl\u00f6tzlich und du watest durch den Neuschnee, noch unbegangene Pfade, die noch nicht beschrieben wurden durch abgebrochene Nadelbaum\u00e4sten, geblendet vom Sonnenglast glatt geschliffener Schneeoberfl\u00e4chen. Eisnadeln am nadellosen Laubbaum, dessen Konturen nun vom Raureif benadelt werden. Ansonsten ist er v\u00f6llig zerlaubt und nur noch astig, im radikalen Kontrast, komplement\u00e4r zur Helligkeit der Umgebung. Und die K\u00f6hler sammeln das abgebrochene Bruchholz der B\u00e4ume und verschwelen es zu dunklem lichtschluckendem Schwarz inmitten des schneewei\u00dfen Waldes. Und die Sucher kommen dem Boden immer n\u00e4her und f\u00fchlen sich gesehen. Kraftlose Schwaden des Windes verbreiten den Waldbrandgeruch des Waldes im Walde. Das wehm\u00fctige Nachwehen eisiger Winde der Vergangenheit, macht traurig und der Schnee sinkt vom Himmel wie graupelige Frostkeime und hinterl\u00e4sst einen wei\u00dfen Bodensatz auf den H\u00e4ngen der Eisschmelzwiesen.<\/p>\n<p>Und sie, die eindimensionalen Menschen, messen begeistert den Schnee in Metern, denn der Schnee ist das Ma\u00df. Jedoch ist nur eine eindimensionale Raumrichtung f\u00fcr sie interessant: Die H\u00f6he. Und niemals messen sie in Dezimetern, denn nur Meter z\u00e4hlen: Dezimeter, das vergessene Ma\u00df und immer nur die H\u00f6he.<\/p>\n<p>Die H\u00f6he immer.<\/p>\n<p>Und sie Messen der Opfer Gewichte, dass sie zu seinem Ged\u00e4chtnis tun.<\/p>\n<p>Denn Fleisch wird immerzu gewogen.<\/p>\n<p>Was z\u00e4hlt ist das Gewicht.<\/p>\n<p>Das Gewicht immer.<\/p>\n<p>Der Schnee f\u00e4llt schr\u00e4g und wirft seine Schattenprojektionen in Richtung deines Fluchtpunktes. H\u00f6re genauer in die Nacht, denn ihr Schnee rieselt lauter als leise. Der b\u00f6ige Wind verfl\u00fcssigt die Halmrispen entlang der Saumweiden bis hinunter zum See.<br \/>\nDie eingefrorenen Luftblasen, die das Eis des Sees wei\u00dfer machen, sehen aus als h\u00e4tte sich das Kochen im Aggregatzustand geirrt. Das Eis ist undurchsichtig wie das fl\u00fcssige Wasser von Gletschern, ein Sichtraub des tiefen Seegrundes: Transparenzabweisung des gefrorenes Wasser.<\/p>\n<p>Die R\u00f6hrichtlanzen durchstechen das Eis, aber schuld daf\u00fcr ist das Wasser, das gefriert, nicht die Lanzetten die durchstechen.<\/p>\n<div><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unbarmherzige Fr\u00fche, die du die existenzielle Kasteiung der in die Welt Geworfenen in aller Deutlichkeit zu vermitteln vermagst, Frost und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-68","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-reminiszenzen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74084,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions\/74084"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}