{"id":58,"date":"2017-11-25T10:49:00","date_gmt":"2017-11-25T09:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herbstzeitlos.tk\/\/lebenslaufe-oder-das-prinzip-des-unzureichenden-grundes-eine-hommage-an-robert-musil\/"},"modified":"2021-12-27T10:25:01","modified_gmt":"2021-12-27T09:25:01","slug":"lebenslaufe-oder-das-prinzip-des-unzureichenden-grundes-eine-hommage-an-robert-musil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/?p=58","title":{"rendered":"Lebensl\u00e4ufe oder das Prinzip des unzureichenden Grundes (eine Hommage an Robert Musil)"},"content":{"rendered":"<div dir=\"ltr\">\n<p>Leiblichkeit, ist das, was uns vielmehr vereinzelt als eint. Deswegen ist das Gesetz und der Staat auch das unpers\u00f6nlichste, da es Allgemeinheit erhebt. Wie ein Lebenslauf bei einem Bewerbungsgespr\u00e4ch zu den reinen Formalit\u00e4ten geh\u00f6rt, so ist f\u00fcr viele Menschen ihr Leben auch nichts weiter als eine reine Formsache. Dabei beinhalten Lebensl\u00e4ufe oft die lustige Tatsache, dass jede Lebensstation als Kausalbeziehung schlussendlich Sinn ergeben muss. Welche Entscheidungen man schlussendlich trifft, ist nicht so wichtig und wenn \u00fcberhaupt, nur schwer nach ihrer Sinnhaftigkeit hin zu bewerten. Ein Charakter erschlie\u00dft sich aus dem Lebenslauf anhand einer sich wiederholenden Handlungsdisposition. Der Lebenslauf als Formalit\u00e4t ergibt bereits schon f\u00fcr sich Sinn, wenn man ihn durchliest. Selbst wenn darunter Entscheidungen liegen die vielleicht unvern\u00fcnftig erscheinen, ergeben sie innerhalb des gesamten Lebenslaufs Sinn und erscheinen nicht mal als auff\u00e4llig oder merkw\u00fcrdig. So kann die Vernunft ein Lebensprinzip sein, die Unvernunft jedoch auch. Die Vielheit der Lebensl\u00e4ufe, der Entscheidungen und Handlungen diffundiert gewisserma\u00dfen zu jenem Rauschen, zu jener Entropie, die man Weltgeschichte nennt. Und so lassen sich alle Lebensl\u00e4ufe lesen, nach dem Prinzip des unzureichenden Grundes, die in ihrer Vollz\u00e4hligkeit betrachtet, nicht allzu gravierende Unterschiede kennen. Einzelne Ereignisse im Leben, welche \u00e4hnliche Eigenschaften haben, werden austauschbar, sind symmetrisch. Und dennoch vermag man die einzelnen Lebensstationen im Lebenslauf durch Kausalzusammenh\u00e4nge zu referenzieren, wird manchen Entscheidungen und Handlungen aber dadurch nicht gerecht und verf\u00e4llt dem Irrtum, dass Kausalzusammenh\u00e4nge immer r\u00e4umlich und zeitlich beieinander liegen m\u00fcssen. Dabei ist das Handeln aus welchen Beweggr\u00fcnden auch immer vorerst immer unzureichend, im Nachhinein jedoch immer sinnvoll. Kontrafaktuale Konditionals\u00e4tze bewegen uns in die pragmatische Handlungsunf\u00e4higkeit, Gedanken welche Konsequenzen es mit sich gebracht h\u00e4tte, wenn man zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt im Leben anders gehandelt h\u00e4tte, sind Referenzlos. Aus praktischer Hinsicht k\u00f6nnte man nichts mehr daran \u00e4ndern. Die Moral wird zu einer Moral des n\u00e4chsten Schrittes, da Urteilsbildung im nachhinein gew\u00f6hnlich leicht f\u00e4llt und richtig erscheint. Das ist die fatale Folge einer unverzeihlichen Zeit, f\u00fcr die unverzeihliche Praxis des Menschen. Oder die Erkenntnis des fehlenden Lernerfolgs in der Zeitgeschichte. Das Abwiegen der verschiedenen Entscheidungsm\u00f6glichkeiten f\u00e4llt schwer, in einer Zeit, in der der Mensch zunehmend ein Enterbter seiner Kultur wird, der gesellschaftlich keinen befriedigende Verbindlichkeit zu finden scheint. Entscheidungen und Handlungen diffundieren in die Weltgeschichte, geistiges Klarsein wird getr\u00fcbt durch die ungewisse Trunkenheit dessen, was sie Positivismus nannten. In seinem Rausche kritisieren sie die Moral und Lebensregeln, treiben Politik und machen Gesetze. Was aus diesem Zusammensto\u00df unterschiedlicher Lehrmeinungen und Maulheldent\u00fcmer \u00fcbrig bleibt, ist nur die Ungewissheit aller und der Schmerz dar\u00fcber, dass es keine Gewissheit gibt. &#8211; Buridans Esel, der verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen der Heuhaufen er zuerst fressen will.<\/p>\n<p>Alles was dem Logozentrismus widerspricht, wird zu antiwissenschaftlichen R\u00fchrsehligkeiten, jegliche emotionale Anteilname, als D\u00fcnnromantik beschimpft. So vermag das Arbeiten als wesentliche Ausf\u00fcllung des Lebens durchaus dem geradlinigen Denken des Wirtschaftst\u00fcchtigen gen\u00fcge leisten, f\u00fcr manche, die vielleicht mehr erwarten als ein Nullsummenspiel, jedoch eine Verlegenheit bedeuten. Arbeiten als Ausf\u00fcllung des ansonsten leeren Platzes, die Angst vor der Langeweile \u2013 f\u00fcr manche eine unertr\u00e4gliche Vorstellung- f\u00fcr andere eine idyllische Zeremonie von Wiederholungen. Doch ist gerade die Langeweile, jener Begriff f\u00fcr Unbemerkenswertes und Hinf\u00e4lliges in seiner Passivit\u00e4t wesentlich harmloser und gleich g\u00fcltiger als die Charaktereigenschaft eines Reaktion\u00e4rs. Politisch werden hei\u00dft reaktion\u00e4r werden. Der manische Trieb des Futurs, der Logozentrismus als Endzweck allg\u00fcltiger Weisheit, ist schlussendlich auch ein Letztbegr\u00fcndungswahn des Lebens. Das Suchen nach Endzwecken und Zielen, das teleologische Streben nach Sinn und Bedeutung, der Vervollkommenungsdrang, kommt einem Zielfernrohr gleich, das nach seinem Ziele sucht. Manche besitzen jedoch die Gabe, ihre unzufriedene Lebenslage \u00e4hnlich zu bew\u00e4ltigen, wie wenn man sich bei unruhigem Schlaf im Bett einfach umdreht.<\/p>\n<div><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leiblichkeit, ist das, was uns vielmehr vereinzelt als eint. 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