{"id":52,"date":"2017-12-05T17:46:00","date_gmt":"2017-12-05T16:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herbstzeitlos.tk\/\/reminiszenzen-vi-tag-des-grosen-falls\/"},"modified":"2021-11-20T06:15:44","modified_gmt":"2021-11-20T05:15:44","slug":"reminiszenzen-vi-tag-des-grosen-falls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/?p=52","title":{"rendered":"Reminiszenzen VI (Tag des gro\u00dfen Falls)"},"content":{"rendered":"<div dir=\"ltr\">\n<p>In Gedanken bist du bereits vom Eigentum verlassen,<br \/>\nso wie dich Reisen dein Eigentum verlassen<br \/>\nlassen.<br \/>\nIn dieser absoluten Unumgebenheit stammelst du Sinnlosigkeiten sequentiell in S\u00e4tzen gereiht, kontrafaktuale Konditionals\u00e4tze, zu Verlautbarungen verkommen, wie die Lippen verlorener Sprachen im Felde des Klatschmohns, unvollst\u00e4ndig, unverst\u00e4ndlich, begriffsstutzig in den schalltoten Raum hinein, wo unl\u00e4ngst jegliche Referenz, jegliche Bezugnahme abhanden gekommen ist.<br \/>\nKeine reflektierenden Antworten, die deine Fragen erreichen, die keine sind, wie sie sagen.<br \/>\nNicht ein selbstreferentielles Echo deiner selbst, das dich beweist, wie du meinst.<br \/>\nUnd so bilden sich Fraktale, Metastasen der Existenz im egozentrischen Schwerefeld der Erde, das lange schon vor dir da war.<br \/>\nUnd der Regen viel Morgens vertikal,<br \/>\nAbends aber horizontal.<br \/>\nUnd das Fallen war wie eine sich selbsterf\u00fcllende F\u00e4higkeit, schon lange bevor es Menschen gab, die fielen.<br \/>\nUnd du warntest immer wieder:<br \/>\n\u201eWehe, wehe, denn ich sehe euch fallen wie die B\u00e4ume im Walde.\u201c<br \/>\nAber B\u00e4ume gab es schon lange, bevor es Menschen gab, die warnten<br \/>\nund als es B\u00e4ume gab,<br \/>\nda gab es auch W\u00e4lder.<br \/>\nUnd es wurde Abend und es wurde Morgen, so erz\u00e4hlten sie, und die roten Geranien deiner Kindheit, die bei Regen die Luft deodorierten,<br \/>\ntaleinw\u00e4rts,<br \/>\ntalausw\u00e4rts,<br \/>\nsie sind immer noch die selben, so wie du immer noch der selbe sein musst,<br \/>\nder du warst,<br \/>\nwie sie meinten,<br \/>\ngeborgen im Scho\u00dfe des Talschlussberges,<br \/>\ndort wo die Menschen wohnen.<br \/>\nDoch waren sie es doch, die dir deine Heimat unertr\u00e4glich machten,<br \/>\nund immernoch schwellen und tosen und hallen ihre Stimmen in Hallen.<br \/>\nUnd das Gl\u00fcck von dem die Alten aus Selbstverst\u00e4ndnis immer sprechen, wurde manchen nie zuteil.<br \/>\nUnd die Natur zeigt sich in der unbarmherzigen Fr\u00fche am klarsten, bis dass das Auge bricht und das Gestein erblindet.<br \/>\nDer ungefundene Findling,<br \/>\ndie sanft zerknirschte Urzeit,<br \/>\ndie es schon lange gab,<br \/>\nbevor Findlinge gefunden wurden.<\/p>\n<p>Eingedenkt in Gedanken ohne Richtung, so wie auch Traurigkeit keine Richtung mehr kennt, denkst du an Dinge, die nicht sein k\u00f6nnen, wie deine Erinnerungen, die es nicht gab, wie sie sagten; und B\u00fccher, die nicht mehr gelesen werden.<br \/>\nUnd alle W\u00fcnsche sind erf\u00fcllt, aber nichts ist geschehen, in chronischer Angespanntheit auf die nie eintretende Pl\u00f6tzlichkeit und auf die st\u00e4ndige Erwartungshaltung des Lebens:<br \/>\nMan erhofft sich nicht viel im Leben, doch erwartet man mehr.<br \/>\nKoloraturen absoluter Farbenstutzigkeit am Tonnengew\u00f6lbe des Himmels in der hohen Mitte des Tages,<br \/>\nein Blinzeln,<br \/>\nfast ein L\u00e4cheln.<br \/>\nUnd schon wieder ein Geheimnis der Heliologie, die es schon lange vor dem Letztbegr\u00fcndungswahn gab: der Sichelmond als bergende Schale von Venus, das h\u00e4ufig vorkommende Mondbild des Morgenlandes,<br \/>\nschon lange bevor es die Morgen gab.<br \/>\nUnd es wurde Abend und es wurde Morgen, so erz\u00e4hlten sie immer wieder.<br \/>\nUnd der Mensch blickte wehm\u00fctig in die fallende Sonne,<br \/>\nbis sie verschwand<br \/>\nund er wartete lange,<br \/>\nbis sie dann pl\u00f6tzlich hinter ihm stand.<br \/>\nUnd sie fiel schon lange bevor der Mensch fallen konnte.<br \/>\nUnd du bist stehengeblieben, in der Sackgasse vollzogener Natalit\u00e4t und forderst den R\u00fccktritt der Menschheit.<br \/>\nDoch sie sind gehengeblieben.<br \/>\nBeschleunigung, als ihr einziger Stabilit\u00e4tsfaktor, das unverkennbare Kennzeichen der Mitl\u00e4ufer.<br \/>\nUnd du schweigst.<br \/>\nUnd du sagst nichts mehr.<br \/>\nUnd du schweigst immer.<br \/>\nUnd alles was gesagt werden kann, wurde gesagt, in Momenten wo es nichts zu sagen gibt, aber viel zu verstehen, im Felde des roten Klatschmohns.<br \/>\nMohn und Vergessen.<br \/>\nDein Schweigen wurde fehlgedeutet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Gedanken bist du bereits vom Eigentum verlassen, so wie dich Reisen dein Eigentum verlassen lassen. 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