{"id":31,"date":"2018-03-06T15:24:00","date_gmt":"2018-03-06T14:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herbstzeitlos.tk\/\/synasthesien-der-traurigkeit\/"},"modified":"2021-12-27T10:23:54","modified_gmt":"2021-12-27T09:23:54","slug":"synasthesien-der-traurigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/?p=31","title":{"rendered":"Syn\u00e4sthesien der Traurigkeit"},"content":{"rendered":"<div dir=\"ltr\">\n<div dir=\"ltr\"><\/div>\n<div dir=\"ltr\">Ich h\u00f6re und ordne dem Geh\u00f6rten Bilder zu. Ich sehe und ordne dem Gesehenen Ger\u00e4usche zu, die ich h\u00f6re und wieder Bildern zuordne, welche ich sehe und sie taktil Gef\u00fchltem zuordne, welches ich sp\u00fcre und das Gesp\u00fcrte sogleich wieder Bildern zuordne.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Sie wollen ihr Bewusstsein erweitern, wie Imperialisten der Wahrnehmung. Auch ihre Selbstmedikation sollte bestm\u00f6glich das Bewusstsein erweitern.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und sie trinken und nehmen Substanzen, damit da endlich mehr werde. Jede Halluzination eine Bereicherung der Sinne, da sie da ist, wo sonst nur die schale Realit\u00e4t w\u00e4re. Jede Syn\u00e4sthesie etwas \u00dcbersinnliches, da es \u00fcber die Sinne hinweg greift. \u00a0T\u00f6ne die gut riechen und gut klingende Ger\u00fcche. Wer braucht noch Phantasie daf\u00fcr.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Der Antropomorphismus ist schlussendlich eine alles verkl\u00e4rende, einzige Grausamkeit gegen\u00fcber allen Lebewesen, die nicht menschlich sind.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Er wird \u00fcberall dort instrumentalisiert, wo es darum geht etwas zu vermenschlichen.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und alles soll vermenschlicht werden.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Alles wird domestifiziert.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Mit welchen Anma\u00dfungen kann ein Mensch dar\u00fcber Urteilen ob ein Tier nun Schmerz und Leid empfindet? Welche treffende Aussagen \u00fcber die Leidensf\u00e4higkeit anderer Organismen k\u00f6nnen getroffen werden?<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Jede Menschlichkeit l\u00e4sst sich nur auf Menschen anwenden. Woher jedoch kommt die Hybris des Menschen Menschlichkeit auch auf andere Lebewesen anzuwenden.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Sie sehnen sich nach absoluter Perzeption an der Realit\u00e4t, wollen bewusst Leben, du aber willst die Verringerung des Bewusstseins, eine zerwirklichende Inhibition der Wahrnehmbarkeit, einen Stimulationsdefekt.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Sie wollen leben, als h\u00e4tte man eine Wahl.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Sie wollen wahrnehmen als h\u00e4tte man eine Wahl. H\u00f6rt hinaus, denn alle V\u00f6gel fehlen.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Ihr behauptet ihr liebt euch, wie ihr behauptet es werde finster. Ihr bringt euer schmeichelhaftes Gef\u00fchlsinneres zum Ausdruck. Ihr sprecht von innerer Wahrheit, die tiefste Wahrheit, die richtiger w\u00e4re. Wahrheit um Wahrheit. Ihr sprecht \u00fcber Wahrheit und macht sie sprachlich indem ihr Worte in die Luft aerefiziert. Die Wahrheit ist unzumutbar und unzureichend, doch wenn schon, dann ist sie bestenfalls das Ganze.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Die einen wissen und f\u00fchlen nicht, da Wissen narkotisiert. Diejenigen, die f\u00fchlen, wissen nichts, da sie nicht wissen, was sie sp\u00fcren.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und die Religionen der Endzeiterwartenden zerbrechen die erotisch homogenen Zeitk\u00f6rper. Und die rundl\u00e4ufige Kreiszeit ist der ablaufenden Zeit verschieden.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Dies bedeutet gleichzeitig die Aufgabe des statischen Paradieszustandes und der Absturz in die Zeit. Erst in diesem Zustand, beim Verlassen des statischen, in Anbetracht der Dynamik des Werdens, beginnt die Zeitlichkeit an Relevanz zu gewinnen. Der Augenblick einer Tat ist bereits in seiner Singularit\u00e4t der Gegenwart beraubt. Und dennoch ist das menschliche Agieren intuitiv, bzw. spekulativ hinblicklich des zeitlichen Charakters der Welt orientiert.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Die Realit\u00e4t kann sich nur durch die Einzigkeit des eigenen Ichs aufdr\u00e4ngen. Auch die gesamte Zwischenmenschlichkeit ist somit meine Innerlichkeit, meine Perzeption. Der Andere, das Andere ist vereinzigt in meiner Vorstellung.<br \/>\nDie gesamte Welt bin im Grunde ich alleine und au\u00dfer mir ist nichts anderes existent und die gesamte Sch\u00f6pfung habe ich selbst gemacht. Und somit bin ich der Eigner der Welt, die Welt geh\u00f6rt mir alleine und gerade deswegen habe ich die Welt \u00fcberwunden und bin von mir selbst entweltlicht geworden.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Meine Grenzen sind die Grenzen meiner Welt. Und alles Bewusstseinsunabh\u00e4ngige ist Nichts. Und was kann ich schon \u00fcber mich sagen, ich bin nur intrinsisch befangen in meinem Bewusstsein. Ich bin mir selbst bewusst, das ist das einzige, was ich \u00fcber mich sagen kann.<br \/>\nUnd wenn ich mein Bewusstsein ver\u00e4ndern kann, dann kann ich auch mich ver\u00e4ndern. Und wenn ich mich \u00e4ndern kann, \u00e4ndert sich auch mein Bewusstsein.<br \/>\nUnd wenn ich mich ver\u00e4ndere, ver\u00e4ndert sich auch die Wirklichkeit.<br \/>\nUnd wenn sich die Wirklichkeit \u00e4ndert, ver\u00e4ndere ich auch mich.<br \/>\nIch kann nicht gegen die Wirklichkeit ank\u00e4mpfen, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen.<br \/>\nUnd deswegen bin ich die Wirklichkeit. Deswegen bin ich alles. Ich bin absolute Scheinbarkeit, ich bin die Wahrheit und das Leben. Und meine Wahrnehmung ist uniform und gleich. In meinem Inneren ist alles uniform. Die Reizweiterleitung meines Gehirnes ist uniform, sie repr\u00e4sentiert Gesehenes und Gerochenes gleich, alles wird bioelektrisch und chemisch, egal ob da gesehen oder gerochen wird.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Alles wird syn\u00e4sthetisch und somit eine undifferenzierte neuronale T\u00e4tigkeit, eine sensorische Inkontinenz, permessiv.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und alles Objektive ist subjektiv. \u00a0Das \u00fcberlegende Subjekt ist immer auch gleichzeitig das zu betrachtende Objekt. Und wahr ist was wahr ist. Alles ist tautologisch. Jede Frage kann gestellt und beantwortet werden.<br \/>\nAlles ist repetitiv. Alles Wiederholt sich. Alles ist mit allem R\u00fcckgekoppelt und redundant.<br \/>\nUnd Anfang und Ende sind eins. Und ist mein ich nicht mehr, so ist auch das Alles nicht mehr und umgekehrt.<br \/>\nUnd wenn ich leide, so leide ich an meiner Innerlichkeit. Was schon ist Realit\u00e4t au\u00dfer meiner selbst? Gegenst\u00e4nde sind hinblicklich der Wirklichkeit real.<br \/>\nBegebenheiten in Tr\u00e4umen sind hinblicklich des Tr\u00e4umens auch real. Alles ist real und nichts ist real. Alles ist vern\u00fcnftig und unvern\u00fcnftig. Das alles ist nicht f\u00fcr die Vielen, sondern nur f\u00fcr dich.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Die Reizwahrnehmung ist in einem bewusstem Zustand andauernd gegeben, unabh\u00e4ngig von willentlichen Entscheidungen. Sinneswahrnehmungen m\u00fcnden sogleich in Interpretationen des Wahrnehmungsmaterials und forcieren rigoros eine semantische Sinngebung der Au\u00dfenwelt.<br \/>\nDarin liegt also das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis und der Zwang wahrnehmen zu m\u00fcssen begr\u00fcndet. Mit diesem st\u00e4ndigen Zwang Derivate der Au\u00dfenwelt wahrnehmen zu m\u00fcssen ergibt sich gleicherma\u00dfen die Tatsache auf diese Sinnesreize unmittelbar reagieren zu m\u00fcssen. Wir sind immer befangener im Wirklichkeitswahn. Die Welt dr\u00e4ngt sich auf, der totalit\u00e4re Charakter der Wirklichkeit. Sie durchdringt deine verschlossene Haut und das Niemandsland der Membrane aus Doppellipiden. Ber\u00fchrungen die unertr\u00e4glich schmerzen. Vergewaltigungen der seinswollenden Erde die deinem sinnlichen Reklusiasmus widersagen. Was n\u00fctzt die radikale Isolation, um den Sinnesreizen zu entrinnen?<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und du willst nichts h\u00f6ren, doch du musst h\u00f6ren und du willst nichts f\u00fchlen, aber trotzdem f\u00fchlst du unweigerlich dein Gewicht im Schwerefeld der Welt, f\u00fchlst W\u00e4rme und K\u00e4lte.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Sage mir, was muss ich machen, um die K\u00e4lte nicht mehr zu f\u00fchlen?<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Auch wenn ich die Augen schlie\u00dfe, so sehe ich Bilder auf meiner Netzhaut? Selbst in der Dunkelheit. Wie kann das sein, ich will doch nichts sehen!<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Du schlie\u00dft deine Augen und trotzdem siehst du zerstiebene Lichtmuster des Purpurs auf deiner Netzhaut durch die augenreibenden H\u00e4nde. Du schlie\u00dft die Augen und er\u00f6ffnest den Anblick tiefsten Vergessens als Form chromatischen Rauschens. Jeder Druck auf den Aug\u00e4pfeln erzeugen falschfarbige Bahnen in der abgedunkelten Nebelkammer.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Das Licht des Tages ist ordin\u00e4r und kostet nichts. Auch die Atemluft haben wir nicht erstanden. Kein Preis, kein Wert, so sagen sie.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und \u00fcberall dieser L\u00e4rm. Ich will nichts mehr h\u00f6ren. Ich presse die Fingerkuppen in die Geh\u00f6rg\u00e4nge und lausche den Ger\u00e4uschen meines K\u00f6rpers, obwohl ich nichts h\u00f6ren m\u00f6chte.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und h\u00f6re dennoch, dass mein Herz schl\u00e4gt. Ich will dass ich es nicht mehr schlagen h\u00f6re, doch was muss ich machen?<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Wei\u00dft du was man machen m\u00fcsste, damit ich es nicht mehr schlagen h\u00f6re, damit es nicht mehr schl\u00e4gt? Befangen in meinen Syn\u00e4sthesien der Traurigkeit wende ich von mir ab.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">An den jeweiligen Sinneswahrnehmungen orientiert sich das gesamte Affektverhalten und die damit verbundenen exogen bedingten, von der Umwelt motivierten Handlungsursachen. Jeder Sinnesreiz besitzt das Potential einer nach Au\u00dfen gerichteten Reaktion oder Handlung. Darin liegt gleichzeitig auch die Schwierigkeit, sich dieser Handlungsentscheidungen zu entziehen, bzw. f\u00fcr eine Zeit lang Wahrnehmungslos zu verharren. Denn nur mit verminderter Wahrnehmung ist es m\u00f6glich der Aktivit\u00e4t zu entsagen und in einem Zustand der gleichg\u00fcltigen Inaktivit\u00e4t zu verweilen.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Der Mensch produziert sich seine Bed\u00fcrfnisse also selbst. Dies impliziert gewisserma\u00dfen, dass von einem Erlangen eines chronischen Gl\u00fcckzustandes nicht die Rede sein kann, da st\u00e4ndig neue Bed\u00fcrfnisse aufkommen, die nach Befriedigung streben. Diese Diskrepanz, diese Mangelerscheinung von Wollen und nicht haben k\u00f6nnen, geht notwendiger Weise mit dem menschlichen Ungl\u00fcck und des menschlichen Unbehagens einher und ist gleichzeitig in der Natur des menschlichen \u201eBelohnungssystems\u201c verankert. Die Menschheit schreitet also in ihrer Geschichte voran und \u00fcbersteigt sich andauernd selbst, ohne zur Ruhe zu gelangen.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Die faustische Gesellschaft entspricht dem Charaktertypus des rastlos T\u00e4tigen, der immer nach h\u00f6heren Stufen strebt und dem zugleich dieses Streben und Suchen wertvoller erscheint, als das Verweilen und Besitzen. Und alle rufen nach Freiheit, aber keiner wei\u00df was sie ist und alle reden von einem nie genau definierten Fortschritt.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Die vielen Gedanken und Reflexionen \u00fcber die Kerne aller Dinge, haben dir viel mehr genommen als sie dir gaben. Die Benommenheit nimmt endlich zu und die Verst\u00f6rung sinkt. Ihr letztes Gel\u00e4rme ist kaum noch h\u00f6rbar. Wo bleibt das einstige Gottesschweigen, \u00fcbert\u00f6nt durch das viele Sprechen seines Sohnes?<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Sie wollen wissen, wie es dir wirklich geht, doch die sch\u00f6neren Geschichten werden diejenigen danach schreiben.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Und wenn man dann festgestellt hat, dass alles Leben Illussion ist und es anf\u00e4ngt in radikaler Egalheit nicht mehr zu tangieren, dann ist man endlich f\u00e4hig zu leben.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">\n<p>Alle Bedienungen sind erf\u00fcllt f\u00fcr die absolute Tatenlosigkeit und alle Taten werden getilgt, der Anteil der Wahrscheinlichkeit der Welt wird statistisch marginal.<br \/>\nDie meisten haben aber f\u00fcr die Einsamkeit zu viele Sinne. Es fiel in dir ein und du fingst es auf. Du h\u00e4ltst es fest verschlossen in deinen H\u00e4nden, denn es darf nie die Welt erblicken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div dir=\"ltr\"><\/div>\n<div dir=\"ltr\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich h\u00f6re und ordne dem Geh\u00f6rten Bilder zu. 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