{"id":24,"date":"2018-05-02T17:26:00","date_gmt":"2018-05-02T15:26:00","guid":{"rendered":""},"modified":"2020-12-22T11:46:56","modified_gmt":"2020-12-22T10:46:56","slug":"nichts-eine-apotheose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/?p=24","title":{"rendered":"Nichts &#8211; Eine Apotheose"},"content":{"rendered":"<div dir=\"ltr\" style=\"text-align: left;\">\n<div dir=\"ltr\">Die meisten Menschen haben Angst vor dem Nichts.<\/div>\n<div dir=\"ltr\">Viele Menschen, die an Agonie leiden (&#171;melete thanatou&#187;) und somit gegen Ende hin zu revoltieren beginnen, suchen Zuflucht in metaphysischen und esoterischen Schl\u00f6ssern, damit sie bis in alle Ewigkeit leben, arbeiten, denken und altern k\u00f6nnen. Denn die Menschen lieben das Leben, wollen es bis in alle Ewigkeit leben. Doch sie lieben das Leben, weil sie das Lieben gewohnt sind, nicht das Leben. Diese monumentalen Bollwerke bieten eine postmortale Heimat von Verehrern der Energieg\u00f6tter, die sich vom theosophischen Quietismus abgewendet haben. Die Entscheidung zum Leben ist oftmals unanst\u00e4ndig und unbedacht, doch klingt sie trivial, als man dazu f\u00e4hig ist. Die Entscheidung zum Nicht-Leben ist paradoxer Weise meistens gerechtfertigt und begr\u00fcndet. Wenn er gewinnt, gewinnt er die Ewigkeit, verliert er aber, so verliert er &#8211; nichts. Mit stoischer Gefasstheit tragen sie das Gewicht der Welt, k\u00f6nnte es doch ebenso gut von einer S\u00e4ule getragen werden. Denn nur die Abwesenheit des Gewichtes der Welt von den menschlichen Schultern, bedeutet nicht das die Erde f\u00e4llt. Diese Menschen sind wahrhaftig gealtert und Erwachsen. Erwachsen zu sein, hei\u00dft die Jugend \u00fcberwunden und vergessen zu haben. Vielleicht werden Kinder deshalb so oft bestraft. Der Alte sieht einem Schneemann \u00e4hnlich, wenn man im Nachhinein an den Fr\u00fchling denkt. Doch manchen wurde bereits das diesseitige Gl\u00fcck, wovon die Alten aus zeitgen\u00f6ssischem Selbstverst\u00e4ndnis immer sprechen, nie zu teil. Diese besondere Art um gl\u00fccklich zu sein haben viele nie erfahren und sind somit trotz aller Vorraussetzungen gl\u00fccklich zu sein, ungl\u00fccklich. Sie suchen nichts bestimmtes im Leben, doch erwarten sie mehr &#8211; ein Gewissheitssyndrom. Die Billigkeiten und Halbheiten des Lebens konnten f\u00fcr sie im Diesseits nicht \u00fcberzeugend sein, geschweige denn in einem ewige Leben. &#8211; Ein Lustverlust inmitten pr\u00e4stabilierter Disharmonie, episodische Gl\u00fccksmomente im chronischen Leiden. Die unmittelbare existentielle Erfahrung wird im Mangel am klarsten, weswegen M\u00e4ngelwesen auch fortw\u00e4hrend an ihre Existenz denken. Auch das Nicht-Sein kann zur Gewohnheit werden, jedenfalls wird man sich dessen nicht bewusst werden. Das Sterben als Ver-Nichtung in seiner gesamten Posivit\u00e4t ist eine Aufl\u00f6sung ins Nichts, weswegen die Angst vor dem Sterben eigentlich ein Nichts ist. &#8211; Nichts hei\u00dft nicht Leiden und verloren zu haben, was nicht vermisst werden kann. Tats\u00e4chlich wird das identifizierbare Ich ver-nichtet, aber bevor man geboren wurde, war man ebenfalls nichts. Dieses Nichts, ist dem Nicht-Mehr nach dem Tode und dem Noch-Nicht vor der Geburt v\u00f6llig gleich. Zur\u00fcckgewandte begn\u00fcgen sich mit der Vorstellung an einem invertierten Geburtstag; wie es war, bevor man geboren wurde. Doch an die Geburt, als ma\u00dfgeblichstes Ereignis unserer Selbst, k\u00f6nnen wir uns nicht mehr erinnern. Er, den es nicht gab, bekam nie die M\u00f6glichkeit etwas zu verbessern, erdachte niemals eine Utopie. Denn er selbst lebte in Utopia, ging tagt\u00e4glich im Nicht-Ort spazieren, weil es schwierig ist stehen zu bleiben. &#8211; Das fatale Schicksal eines Mitl\u00e4ufers. H\u00e4tte uns das Nichts etwa vor der Geburt jemals gest\u00f6rt? Das Nicht-Sein ist so wenig ein \u00dcbel, wie das Nichtgewesen-Sein. Das Leid, das aber nicht erkannt wird, ist ein Widerspruch in sich. Ein solcher aber ist das Nichts, das blasphemisch den Segen des &#171;m\u00f6gen sie Ruhen in Frieden&#187; nachruft.<\/div>\n<div dir=\"ltr\"><\/div>\n<div style=\"clear: both; text-align: center;\"><\/div>\n<div dir=\"ltr\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen haben Angst vor dem Nichts. 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