{"id":23,"date":"2018-05-13T16:20:00","date_gmt":"2018-05-13T14:20:00","guid":{"rendered":""},"modified":"2021-01-31T16:33:15","modified_gmt":"2021-01-31T15:33:15","slug":"verlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/?p=23","title":{"rendered":"Verlust"},"content":{"rendered":"<div dir=\"ltr\" style=\"text-align: left;\">\n<div dir=\"ltr\"><u>Gestehe<\/u>, dass du gl\u00fccklich bist, einst verloren den Ring des Polykrates, den du mit tiefster Inbrunst zu lieben wusstest. So kann nach dem herzergreifenden Verlust doch nur noch die Schicksalsumkehr eintreten und deinem gebrochenem Herzen zugute kommen. Nach tiefsten Herzeleid muss doch irgendwann der Augenblick kommen, in den man zu verweilen w\u00fcnscht. Es muss sie doch geben, die sporadischen Gl\u00fccksmomente inmitten der pr\u00e4stabilitierten Disharmonie chronischen Leidens. Doch das Leben scheint dir ein insgesamtes Verlustgesch\u00e4ft zu sein. Das Gl\u00fcck ist eben kein Augenblick des Verweilens, vielmehr hetzt es uns durch die Zeitlichkeit der Ontogenese, als manisches Sinnstreben des wollenden Futurs. Wille ist es, der uns vor Augen f\u00fchrt, was nicht ist. In dieser st\u00e4ndigen Diskrepanz zwischen wollen und nicht haben k\u00f6nnen, manifestiert sich unser Dasein. Deshalb scheint es vermessen nach der Zweckhaftigkeit und nach einem gehaltvollen Sinn in unserem Handeln zu fragen.<br \/>\nSo bleibt die Tatsache deines Verlustes in der Zeit bestehen. Vergessenheit scheint dir ein Resignieren und doch scheint es gerade die gef\u00fchlsbes\u00e4nftigende Taubheit zu sein, die Sedierung des Gem\u00fctes, als eine sanfte Verschleierung der kalten Vernunft und der geradliniger Geistesverfassung. Diese bacchantische Trunkenheit tr\u00fcbt unser Bewusstsein und dies kommt bei einer schmerzvollen Verlusterfahrung gerade recht. Taubheit ist es was wir versuchen zu erlangen in unserer \u00fcberspitzten Gereiztheit. Doch vermag dies nur schwer zu gelingen aufgrund der schwachen latenten Inhibition. Vielmehr reizt st\u00e4ndige Angespanntheit das Gem\u00fct. Als enterbte der Zeit suchen wir im mildernden Rausche die verlorene weltliche Integrit\u00e4t wiederzuerlangen und die Hochsensitivit\u00e4t der Gef\u00fchle abzulegen. So bist du wie jeder der Spielball deiner Gef\u00fchle, die du gerade durch die Situation des Verlustes geringsch\u00e4tzen lernst. Wie l\u00e4cherlich erscheinen sie situativ und tempor\u00e4r einer Willk\u00fcrlichkeit zu folgen, die eben nur Geringsch\u00e4tzung verdient. Wie l\u00e4cherlich erscheinen sie aufgrund des Verlustes pl\u00f6tzlich entgegengesetzte Positionen einzunehmen. Was vorher liebenswert war ist aufgrund des Verlustes nur f\u00fcr kurze Zeit umso begehrenswerter. Schon bald nehmen die Gef\u00fchle eine kontr\u00e4re Position ein. Vielmehr scheinen Gef\u00fchle nur Gemeinpl\u00e4tze einzunehmen, die sich kontextuell nur unwesentlich voneinander unterscheiden. Zwar lassen sich graduelle Nuancen unterscheiden, doch sind alle Gef\u00fchle \u00e4hnlich und abz\u00e4hlbar. Obgleich dieser Erkenntnis, ist es tiefste Traurigkeit, die aufgrund des Verlustes f\u00fchlbar bleibt. Und tiefste Verachtung, tiefstes Misstrauen gegen\u00fcber den Gef\u00fchlen, die zwar wesentlich handlungsbestimmend sind und deswegen umso suspekter erscheinen m\u00fcssen.<\/div>\n<div dir=\"ltr\"><\/div>\n<div style=\"clear: both; text-align: center;\"><\/div>\n<div dir=\"ltr\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestehe, dass du gl\u00fccklich bist, einst verloren den Ring des Polykrates, den du mit tiefster Inbrunst zu lieben wusstest. So [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":112,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-23","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reminiszenzen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74009,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23\/revisions\/74009"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/112"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/herbstzeitlos.ink\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}